Vitaminreiche Unwahrheiten – Gemüse

Grafik Günter Land

Als treu sorgende Mutter liegt mir die gesunde Ernährung meiner Kinder selbstverständlich sehr am Herzen und Obst und Gemüse stehen ganz oben auf dem Speiseplan. Im Vergleich zu vielen anderen geplagten Eltern im Bekanntenkreis ergeht es uns in dieser Hinsicht gar nicht so übel. Unsere Kinder lehnen Obst nicht grundsätzlich ab, ebenso wenig wie Paprika, Gurken, Möhren oder Tomaten. Demgegenüber hatte bzw. hat meine Schwester mit meinem Neffen einen konsequenten Totalverweigerer zu ernähren. Gemüse, insbesondere grünes Gemüse, galt es von jeher vom Speiseplan zu verbannen. Eintöpfe etwa wurden akribisch genau von jeglicher Gemüseeinlage befreit, sodass von der vormals schmackhaften und kräftigen Mahlzeit schlussendlich allein ein dünnes Süppchen übrig blieb. Als das Kind wieder einmal seinen Spinat verschmähte, unterstrich meine Schwester ihre wortreichen Ausführungen über dessen Vitamingehalt mit einem Verweis auf den taffen Seemann Popeye, dem allein der Verzehr von Spinat zum wundersamen und gänzlich anabolfreien Muskel-aufbau gereichte, Kraft und Stärke inbegriffen. Und tatsächlich – die Rechnung ging auf. Einige Jahre lang aß der Junge das grüne Gemüse begierig und – wie es schien – mit Genuss, bis er eines Tages ohne Angabe von Gründen wieder in den altbekannten Verweigerungsmodus verfiel. Sei es, weil er den Wahrheitsgehalt der mütterlichen Ernährungsweisheiten anzweifelte, sei es aus Sorge, es dem heldenhaften Popeye eines Tages gleichzutun und einer spindeldürren und noch dazu völlig durchgeknallten Olivia zu verfallen, für die sich der ganze Spinat verschlingende Aufwand ohnehin nicht lohnte. Mit nunmehr 13 Jahren ist mein Neffe dank des zuhauf genossenen Spinats in früher Kindheit immerhin einen ganzen Kopf größer als ich. Um Gemüse macht er trotz allem einen großen Bogen. Allein Möhreneintopf – vorzugsweise ohne Möhren – stellt eine zumutbare Alternative im Nudel- und Pfannkucheneinerlei dar.

So ganz reibungslos läuft die Vitaminzufuhr in unserem Hause dann aber auch nicht immer ab, was vor allem daran liegt, dass unser Töchterchen gegartes Gemüse im Allgemeinen zutiefst verabscheut. Um ihr den Run aufs Weich-gemüse zu erleichtern, griff auch ich zuweilen in die mütterliche Trickkiste. Als sie etwa vier Jahre alt war, erzählte ich ihr die ernährungspädagogische Version von Rapunzel, deren wunderbar langes Haar auf ihre Vorliebe für Brokkoli zurückzuführen war. Ein voller Erfolg! Meine Tochter, die Sommer wie Winter mit Bommelmütze als Haarverlängerung durch die Straßen zog, witterte ihre Chance auf einen rasanten und natürlichen Wachstumsschub und futterte das Gemüse über Monate mit beispielhafter und stoischer Gelassenheit. Doch plötzlich war er ausgeträumt, der Traum von der langen Haarpracht. Denn die schmucken Kindergartenmädels waren durchaus „up to date“ und wussten um die neuesten Trends im Hairdesign, was da hieß: Die lange Mähne war genauso „out“ wie Brokkoli. Ich widerstand der Versuchung, Blumenkohl als haarwuchshemmendes Gemüse anzupreisen, aus Angst vor Verstrickung im eigens gesponnenen Lügennetz.

Was unsere Zweitgeborene betrifft, so ist es ohnehin bis heute schwierig, das „Richtige“ auf den Tisch zu bringen, denn der Geschmack unseres Töchterchen ist proportional zu ihrer Grundstimmung tagesformabhängig und demzufolge starken Schwankungen unterworfen. Was noch gestern mit grenzenloser Freude und Begeisterung genüsslich und mit den Worten „Mama, du bist die Beste“ verspeist wurde, konnte schon morgen beim bloßen Anblick und völlig unangetastet zu unmittelbarem Brechreiz und verbalen Totalausfällen führen.

Ganz ohne Tipps und Tricks geht es dann eben doch nicht immer in der Vitaminschlacht am Esstisch. Die deeskalierende Wirkung kleiner und nett verpackter Unwahrheiten ist immer wieder beeindruckend. Und mal ehrlich: Wer kann denn schon mit Sicherheit sagen, was die richtige Dosis an Vitaminen im richtigen Moment und am richtigen Ort zu bewirken imstande ist.

Hätten Sie beispielsweise gedacht, dass der Genuss bereits einer Scheibe Ananas am Morgen eine die Manneskraft erheblich steigernde Wirkung erzielen kann? Das jedenfalls berichtete eine liebe Freundin ihrem Vitamin-C-scheuen Gatten, der sich seit Kenntnis dieser brisanten Zusammenhänge gern bereits vor dem Frühstück ein Scheibchen gönnt.

Ich selbst habe vor einigen Tagen nach einem deutlich missglückten Friseurbesuch beherzt zum Dampfkochtopf gegriffen und circa 2 kg Brokkoli zum baldigen Verzehr zubereitet. Warum auch nicht? Allein der Berge versetzende Glaube zählt, und – nicht umsonst haben sich Placebos zu einer medizinischen Notwendigkeit entwickelt.