Wohn-mobil

Kolumne von Eva Unterburg

Wir sind seit neuestem mobil. Das klingt bei näherer Betrachtung nach Werbung für seniorengerechtes Leben. Treppenlifte machen mobil, wenn die Treppen im Haus zur Hürde werden. Rollatoren machen mobil, wenn man nicht mehr ganz trittsicher ist. Mobil heißt aber auch die kostenlose Kundenzeitschrift der Deutschen Bahn, die man meist in zerknitterter Verfassung an der Rückseite seines Vordermanns in einem viel zu engen Netz vorfindet, an dem man sich zunächst die Fingernägel abbricht, bevor man das zerlesene Exemplar zu fassen bekommt.
Doch zurück zu unserer neuen Mobilität. Was der Schnecke ihr Häuschen, ist für uns nun ein lieferwagenähnliches Gefährt, mit dem man ganz prima schnell mal wegfahren kann, wenn beispielsweise das Wetter so gar nicht das macht, was man sich zu speziellen Jahreszeiten erhofft hat. Kein lästiges Suchen von Ferienwohnungen, kein Verheddern mehr im Dschungel der Hotelvergleichsportale und überhaupt: Ab jetzt ist Schluss mit der Urlaubsplanerei drei Jahre im Voraus: spontan ist die Frau, spontan ist der Mann.
So dachten wir uns das und fingen mit der Spontanität schon beim Einkauf an. Eigentlich wollten wir ja nur mal gucken gehen… Und dann war das Wetter so schlecht und der Verkäufer so nett und das Bett viel bequemer als gedacht und das klitzekleine Bad so niedlich und die putzige Spüle so handlich…
Sechs Monate und gefühlte 7686 Reiseführer später holten wir das Teil dann neulich ab. Die detailreiche Einführung durch einen nicht minder netten Verkäufer erinnerte etwas an das Procedere beim Notar, wenn man ein Haus oder etwas ähnlich Epochemachendes kauft. Man versteht in der Eile nur einen Bruchteil, unterschreibt folgsam und etwas benommen und erhält einen großen Stapel Papier. In diesem Fall heißt dieser Stapel Betriebsanleitungen und die beschreiben haarklein in allen Sprachen dieser Welt, wie das Solarpanel funktioniert (vorzugsweise bei direkter Sonneneinstrahlung), welche Geräusche die Wasserpumpe machen darf und was man sofort zu tun hat, wenn das rote Lämpchen an der Toilette aufleuchtet. Nämlich NICHT mehr zur Toilette gehen, eher MIT der Toilette gehen, um sie im Nullkommanix in der nächstgelegenen Entleerungsstation zu entsorgen. Nicht die ganze Toilette, nur den interessant gefärbten Inhalt. Ist aber gar nicht so schlimm, wie Sie es sich vielleicht vor Ihrem inneren Auge gerade ausmalen. Eher lustig; wenn erwachsene Männer mittleren Alters – es sind tatsächlich immer Männer – mit federndem Schritt und schwenkenden Armen diese inzwischen in poppigen Farben gehaltenen Kloboxen quer über den Campingplatz tragen.
Kurzum, die Jungfernfahrt war wunderbar. Wir schliefen hervorragend, gingen ob der kalten Nächte mit den Hühnern ins kuschelige Bett und standen mit dem unerhörten Vogelgezwitscher mitten im Wald auf. Herrlich spießig mit Tischdecke unter der Markise und einem Kühlschrank voller Tupperdosen. Dass ich das noch erleben darf! Ein Ausflug in die Kindheit, als man mit dem Tetris-ähnlich bepackten Zeltanhänger an die Adria fuhr und dort zwei Wochen zwischen lauter Deutschen das „dolce vita con wurstel“ genoss. Als unsere Kinder noch klein waren (so beginnen übrigens die meisten Gespräche unter Wohnmobilisten in der Nebensaison) waren wir etliche Jahre mit einem VW-Bus unterwegs. Eine wunderbare Art die Welt zu sehen und dennoch seine Wohnung immer dabei zu haben, sehr beruhigend für Kinder im Baby- und Kleinkindalter.
Die Erfahrung machen offenbar auch immer mehr jetzige Eltern, zumindest die, die wir trafen. Ihre Gespräche beginnen meist mit „Jetzt, wo die Kinder noch so klein sind…“ Wird das eigen Fleisch und Blut dann etwas pflegeschwer, dann beklagen sich die genervten Eltern ob der Enge im Wohnmobil und der ewig in den Tag hinein schlafenden Brut. „Wir können morgens nicht mal mehr Kaffee kochen und alles, weil die zwei wieder ewig ferngesehen haben. Das Ding kommt jetzt raus“ entschied ein resoluter Vater kurzerhand in Hörweite zu uns. Am extra aufgestellten Zelt mit dem extra lange zugezogenen Reißverschluss erkennt man diese Gruppe der Wohnmobilliebhaber sofort. Hilfsbereit sind sie alle, z.B. wenn man ohne Sinn und Verstand einfach wegen der schönen Lage und ungeachtet irgendwelcher Markierungen sich in die Landschaft stellt, alle Stühle und Gerätschaften enthusiastisch auspackt, um dann festzustellen, dass der Abstand zu den Stromkästen sich umgekehrt proportional verhält zu der Länge des mitgeführten Stromkabels. Nachsichtig wird dann von Mitcamperseite berichtet, dass es bisweilen vorkommt, dass jemand den Wassereinfüllstutzen mit der Benzinklappe verwechselt beim ersten Tanken und sich dann wundert, dass die Tankanzeige immer noch ganz links steht.
Um heute irgendwie zum Schluss zu kommen: Es ist SCHÖN mit diesem Ding unterwegs zu sein, bei einem Winzer für einen Apfel und ein Ei im verwunschenen Garten zu stehen, zwei frisch gekaufte Kisten Wein unter dem Bett und mit dem Fahrrad kurzerhand eine Tour durch die Weinberge in die nächste Stadt zu machen, um sich zurückgekehrt unter der Außendusche zu erfrischen. Zurück zu Mutter Natur, aber bitte mit Kühlschrank und eigener Toilette – und seien sie auch noch so klein…