Lebkuchenbruch

Grafik: Günther Land

Neulich war ich in der Stadt, um irgendetwas Normales oder Unnötiges zu erledigen. Ich war ohne Jacke oder Mantel unterwegs und hatte wirklich Mühe damit, das spätsommerliche Wetter mit der vorweihnachtlichen Schmückfreude der Geschäfte in Einklang zu bekommen.

Bei der Familienwoche in Lissabon noch neulicher war es ähnlich, aber dort geht mir die Verbindung von lauer Atlantikbrise und kitschig buntem Plingpling-Farbenspiel in den Schaufenstern leichter von der Hand. Dort ist Süden und das heißt, an Weihnachten ist es eben lau und nicht usselig wie bei uns. Schließlich war es mein ganzes Leben lang so. Weihnachtszeit heißt Winterstiefel an, Schal um den Hals und ab in die nasskalte Witterung.

Bis auf die letzten Jahre, da stimmt irgendwie alles nicht mehr. Mein nicht rund laufender Biorhythmus (jetzt bin ich wieder bei dem Neulich in der Stadt) wurde jäh ins Abseits gedrängt, als ich beim Eiscafé meines Vertrauens ankam, das ich offenbar unbewusst angesteuert hatte. Denn wo sonst so hippe Sorten wie Basilikum-Limone oder German Black-Forest im Kühlfach auf ihren Weg in die Waffelhörnchen warten, lagen nun rote Samtstoffe in Hochglanz, sorgfältig drapiert, um das kühle Eiscafé-Flair etwas wohliger zu gestalten.

Auf den Stofforgien thronten majestätisch altbekannte Köstlichkeiten aus meiner Kindheit. Ohne es zu ahnen, war ich im Lebkuchenparadies gelandet, mit einer Elisenpipeline direkt aus Nürnberg mitten in mein Eiscafé!

Welch ein Wiedersehen nach all den Jahren. Hier die kleinen Elisenschnitten im Karton mit der Abbildung aus der Manesse-Handschrift. Wie groß diese frühkindliche Prägung ist, kann ich an der Wahl meines Studienfaches Mediävistik nur erahnen. Dort die Stadtansicht der Dürerstadt, die köstlich knuspernden Spekulatius hinter ihren historischen Mauern verbirgt.

Ach und dort drüben steht doch tatsächlich mein Hexenhäuschen mit den Schokoladenherzen, das sich auch wunderbar dazu eignet, mit hutzeligen Kastanienmännchen Hänsel und Gretel nachzuspielen.

Was in vollem Zustand einfach nicht zu machen ist. Dieser Argumentation konnte meine Mutter früher nie folgen, verstehe ich bis heute nicht. Ihr Credo war: „An jedem Tag im Advent, gibt es einen Lebkuchen für jeden nach dem Mittagessen“.

Sobald die Luxusblechtruhe voller Köstlichkeiten mit der Post gebracht worden war und wir zum ersten Mal in einen der allerbesten, schokoladigsten, saftigsten Elisenlebkuchen der ganzen Welt gebissen hatten, war aller Schulstress vergessen.

Jedes Jahr dachten wir damals und tun es Lehrer in ganz Deutschland offenbar immer noch, nämlich: „Juhu, bald kommt Weihnachten, da haben Schüler bestimmt nichts Besonderes vor, da schreiben wir doch einfach mal alle Arbeiten des kommenden Halbjahres auf einmal“.

In Verbindung mit den zu probenden Schulaufführungen, Krippenspielen, Weihnachtsfeiern im Ballett, beim Fußball oder der spätkindlichen Musikerziehung gibt das eine unheilige Allianz, die nur durch eine Sache egalisiert werden kann: Und das sind feinste Nürnberger Lebkuchen aus der bemalten Blechtruhe.

Sie ahnen, was ich tat, als ich ehrfürchtig die Heiligen Lebkuchenhallen, diese Kathedrale des Weihnachtsgeschmacks betrat? Richtig, ich erzählte erst mal in aller Ausführlichkeit der nichtsahnenden Verkäuferin von meinen aufwallenden Glücksgefühlen und die detailfreudigen Kindheitserinnerungen gab

Nun ja, was soll ich sagen… gäbe es bei besagter Lebkuchenmanufaktur (nein Fabrik darf man so einen Hort des guten Geschmacks nun wirklich nicht nennen, sicher wird dort noch alles mit der Hand gemacht) eine goldene Kundenkarte oder einen VIP-Bereich, ich wäre Anwärterin, das steht fest.

Ich kann Ihnen nur raten, wenn Sie versehentlich in den nächsten Wochen in einen Eisladen reinstolpern, der nicht mehr so aussieht, wie Sie es gewohnt sind, drehen Sie nicht sofort um, sondern halten Sie Ihre Nase in die Luft und atmen einmal tief ein. Riecht es nach Zimt, Schokolade und Mandeln? Zitronat und Orangeat? Dann bleiben Sie, kosten Sie, von mir aus auch die Bruchlebkuchen, die eigentlich ganz heil aussehen in ihrer unglamourösen Plastiktütenverpackung.

Dann kann es draußen so warm sein wie es will, innerhalb von Sekunden werden Sie ins Weihnachtsgefühlewunderland un­ter­wegs sein, und falls Sie der beseelte Redefluss überfällt, lassen Sie alles raus – die Verkäuferin hat vollstes Verständnis. Frohe Weihnachten für Sie und Ihre Kinder!