Mobilität mal drei

Grafik: Günter Land

Neulich waren wir in Urlaub, was in letzter Zeit ziemlich häufig passiert. Ein Vorteil der Freiberuflichkeit, wenn nicht vielleicht der einzige. Aber das ist ein weites Feld, würde Fontane jetzt sagen.

Also, wir waren gerade heimgekehrt, die Waschmaschine trubelte vor sich hin, überall noch Kisten und Kästen, da ruft mein Verleger an und nennt mir das aktuelle Druckdatum. Oh ja, der Druck steht unmittelbar bevor und noch keine Kolumne dräut am Horizont. Jetzt aber hurtig. Wie heißt das Thema offiziell diesen Monat? Ah Mobilität, aha Mobilität also, nun ja, was könnte man denn dazu schreiben? Also gut, ich überlege mir was. Hin- und Herwälzen der Gedanken und da fällt mir ein, was wir in den letzten Wochen in insgesamt neun Ländern alles gesehen haben. Der Eselskarren beispielsweise in Albanien. Mitten auf der Autobahn: Vater, Mutter, Kind. Er vorne nah beim 1 ES (in Worten: eine Eselsstärke), die beiden hinten auf der Ladefläche des Holzkarrens inmitten von allerlei Gemüse und Obst. In Albanien geht das. Auch das plötzliche Eröffnen einer dritten Spur beim Überholmanöver auf der Landstraße. Meist passt es irgendwie, aber eben nicht immer, wie die vielen Gedenksteine am Straßenrand zeigen. Meist sind darauf die Gesichter junger Männer zu sehen, sehr traurig. Die Albaner sind unglaublich nette Menschen, sie lieben Kinder, sind ausgesprochen gastfreundlich und winken immer, wenn sie ein Wohnmobil sehen, das sich auf mondkraterähnlichen Nebenwegen verfahren hat, weil der Fahrer oder das Navigationsgerät meinte, in diesem Wegelchen eine geniale Abkürzung ausgemacht zu haben. Was so nicht immer stimmte (alle weiteren Ausführungen nur im persönlichen Gespräch).

Also, die Albaner sind toll und haben großartige Kulturschätze und Landschaften, aber sie gehören, soweit wir das beurteilen können, nicht zu den regeltreusten Autofahrern. Nicht dass es keine Verkehrsschilder gäbe. Im Kreisverkehr läuft es offiziell schon so, dass man drinnen Vorfahrt hat. Wenn man wie wir allerdings mit der Vespa unterwegs ist, sollte man darauf nicht pochen… Allzu schnell sollte man auch nicht unterwegs sein, weil man sich immer wieder unvermittelt inmitten einer Ziegen-, Schaf- oder Kuhherde wiederfinden kann, die hinter der nächsten Kurve gemächlich und raumfüllend die Straßenseite wechselt.

Die Hütehunde haben dann allerhand zu tun, um die Autofahrer mit aller Macht mittels ohrenbetäubendem Gebell zu vertreiben. Einmal begegnete uns auf der Schnellstraße eine Kuh, ordentlich auf der richtigen Straßenseite dahin trabend. Und dann fällt mir zum Thema Mobilität noch jene Frau in Kroatien ein, die unglaublich gekonnt auf ihrem Stand-up-paddle bei bewegtem Wellengang unterwegs war, hinten die adoleszente Tochter, die abwechselnd gelangweilt ihren rechten, dann wieder ihren linken Fuß ins Wasser gleiten ließ, um dann ganz ihre Position zu wechseln, was mir schon beim bloßen Zusehen Schnappatmung machte. Wenn ich meinen Mann so übers Wasser schippere, muss er nur mal mit den Augen zwinkern und wir stürzen ab. Mit dem erstaunlich ausgeprägten Gleichgewichtssinn brachte jene sportliche Dame auch ein erstaunliches Gewicht mit auf das SUB und vorne fuhr noch der quirlige Familienhund mit – in einer gelben Schwimmweste. Vermutlich waren wir an diesem Vormittag nicht die Einzigen, die mit offenem Mund diesem herrlichen Gespann hinterhersahen. Dann fällt mir noch der Fahrradladen in Weimar ein, wo wir gegen Ende unseres Urlaubs kurz Station machten. Dort stach mir im beachtlichen Fuhrpark der Fahrradanhänger, mit denen man Kleinkinder, Einkäufe, Tiere, Bierkästen und Umzugsgut in Etappen durch Deutschlands Großstädte befördern kann, einer besonders ins Auge: Formschön, edel gearbeitet, geschwungene Formen, edle Hölzer. In bester Bauhausmanier und hervorragendem Design, dachte ich mir, als ich meinen Mann darauf aufmerksam machte. „Das Teil ist sicher sackschwer“, war sein lakonischer Kommentar. Wir sind in Deutschland zu Recht auf Sicherheit bedacht, aber Transport-Abenteuer finden woanders statt…