Outsourcing im trauten Heim

Glosse von Susanne Keller

Die bunte Hütte Grafik: Günter Land

Nichts scheint so wandelbar wie die Bedürfnisse, Vorstellungen und Wünsche des Einzelnen. Was noch gestern gefiel oder gar zu Begeisterungsstürmen veranlasste, kann schon heute missfallen, unzulänglich erscheinen oder auf völliges Unverständnis stoßen. In dieser Hinsicht geht es mir ganz ähnlich. In unserem trauten Heim würde es meinen heutigen Vorstellungen entsprechend doch deutlich anders aussehen. Die Ursachen hierfür sind nicht nur geschmacklicher, sondern durchaus auch architektonischer Natur. In der Planungsphase unseres Bauprojekts waren mein Mann und ich uns schnell einig: Im Erdgeschoss sollte ein offener und l-förmig angelegter Bereich mit einer sich allein durch eine Theke abgrenzenden Küche entstehen. Ess- und Wohnbereich sollten sich übergangslos anschließen.

Gesagt – getan. Bis heute gefällt mir diese Lösung unter optischen Gesichtspunkten nach wie vor ganz ausgezeichnet. Für Eltern und Kleinkinder außerdem meines Erachtens absolut ideal, bietet das offene Konzept doch Raum und Nähe zugleich. Mit steigendem Alter unserer Kinder zeigen sich jedoch deutliche Schwachpunkte der offenen Bauweise. Immer dann, wenn meine lieben und heranwachsenden Kinder samt Gefolgschaft lärmend und plündernd unser herrlich offenes Erdgeschoss annektieren, während und ich nach einem Ausweg respektive einer Tür suche, die mir durch einfaches Schließen wenigstens kurzzeitig ein wenig Ruhe verschafft. Stattdessen sitze ich mittendrin, finde mich überflüssig und irgendwie deplatziert im eigenen Heim und schaue zu, wie von Kopf bis Fuß schwarze Fußballer auf meinem Sofa abhängen, nachdem sie unseren Essbereich nach großzügiger Stärkung in ein heilloses Chaos verwandelt haben.

Unser Töchterchen und ihre Anhängerschaft stürmen unser trautes Heim zwar zumeist weniger verdreckt, das hinterlassene Chaos und der Lärmpegel in seiner wohl einzigartigen Frequenz stehen dem des männlichen Belagerungstrupps jedoch in nichts nach. Rein zufällig präsentierte mir unser Erstgeborener die perfekte Lösung, als er den Wunsch nach einer Gartenhütte äußerte. Dort wolle er seinen Kickertisch und eine Dartscheibe platzieren, wie er es bei einem Freund gesehen habe. In mir fand er sofort eine begeisterte Anhängerin seines Wunschprojekts. Im Nu gestalteten wir im Geiste die architektonische Ausgestaltung des Innenraums.

Ein platzsparender Klapptisch sollte inklusive zweier Bänke an der Wand befestigt werden, sodass die Sitzgruppe bei Bedarf hervorgezaubert und ansonsten „versenkt“ werden konnte. Außerdem, so unser Sohn, stelle er sich einen von außen erreichbaren Dachboden vor, der Platz für zusätzliche Schlafplätze bieten sollte. Tolle Idee! Fand ich wirklich gut, erinnerte ich mich doch an einen wetterbedingt missglückten Campingversuch in unserem Garten. Schlussendlich musste die ganze Aktion überstürzt ins Haus verlegt wurden, wobei die nicht unbeträchtliche Anzahl an Kindern einen durchaus nachhaltigen Eindruck hinterlassen hatte. Endlich schaltete sich auch unsere bislang recht schweigsame, stark medial und an elektronischem Spielzeug orientierte Tochter in die Unterhaltung ein und forderte lapidar einen Fernseher samt Spielekonsole für die geplante Gartenhütte, bevor sie sich sogleich wieder schweigend abwandte. Getrau dem Motto: Was gesagt werden musste, war gesagt! Die Prioritäten waren gesetzt. Trotzdem – auch ein durchaus wertvoller Beitrag, wie ich fand. Konnten die Kinder doch den ein oder anderen Regentag ganz wunderbar spielend in der Hütte anstatt schwarz- und barfüßig auf unserem Sofa verbringen.

Tatsächlich ließe sich mithilfe einer Gartenhütte so einiges ganz einfach „outsourcen“. Doppelkopfrunden, die den Partner zum frühzeitigen Einschlummern oder zum Verlassen des trauten Heimes verdammten, der schnarchende Gatte, der zuweilen liebeskranke und lautstark jaulende Hund … Eine wahrhaft kind- wie erwachsenengerechte Lösung für unzählige Unzulänglichkeiten des trauten Heims, die erst das Leben im Rudel so eindringlich zum Vorschein bringt.