Mütterherzen

Kolumne von Eva Unterburg

Grafik: Günter Land

Sind Sie eher der Hasen- oder der Löwentyp? Das klingt jetzt nach Frauenzeitschrift und Quiz mit ankreuzen von A bis D; „weiß nicht“ wäre dort die Antwort E. Falls Sie momentan der E-Typ sind und partout nicht ahnen, wovon ich versuche zu sprechen: Es geht um das Mutterherz im Allgemeinen und im Besonderen. Das Besondere sind Sie. Da ich Sie aber nicht persönlich kenne, bleibe ich im Allgemeinen.

Also, Hasenherzmütter sind sehr liebe Mütter, stets um das Wohl des Kindes besorgt. Bereits im Mutterleib soll es dem Kleinen gut gehen. Aber geht es ihm auch gut? Ist es warm genug dort, hat es genug Auslauf, ernährt sich vernünftig? Man weiß ja nie, was Embryos so zu sich nehmen, wenn man nicht dabei ist. Um die Hasenherzmutter stapeln sich Elternratgeber aller Art. Dort geht es um die frühkindliche Entwicklung mit und ohne Vivaldi, um Geburtsriten mit und ohne Kamera und um den richtigen Zeitpunkt. Nebenbei bemerkt, es gibt ihn nicht. Alles kommt immer anders als gedacht, vor allem während einer Geburt.

Zurück zu den liebevollen Hasenherzmüttern. Sie sorgen sich auch nach der Geburt um das ihnen anvertraute fragile Menschenjunge. Ist es zu kalt zum Rausgehen, war das wirklich richtig mit dem Bäuerchen, schläft das Kind zu wenig oder gar zu viel, schadet zu viel baden der Haut und das Tragen im Tuch auf dem Rücken (dem kindlichen in diesem Fall). Und müsste das Kind jetzt nicht schon das Köpfchen alleine heben können? In der Kindergartenzeit und auf dem Spielplatz kommt das Hasenherz zu seiner ersten vollen Entfaltung. Ist das Kind zu schüchtern, soll man sich vielleicht psychologische Hilfe holen? Bekommt ihm die Lautstärke und das rüpelige Verhalten der anderen Kinder überhaupt? Und weiter geht’s in der Schule: Bei Elternabenden erkennt man die Hasenherzmutter an der detailfreudig vorgetragenen Überlegung, dass das mehrwöchige Fehlen der Deutschlehrerin in der fünften Klasse eventuell den Kindern in der Abiturvorbereitung hinderlich sein könnte. Und dann sind da noch die Selbstverteidigungskurse, Antidrogenkampagnen und Alkoholaufklärungsabende, die die Hasenherzmutter in einer Elterninitiative maßgeblich mitgestaltet. Später gibt es das ungeschriebene Gesetz, dass das inzwischen adoleszente Kind sich in kurzen Intervallen melden sollte, wenn es im Urlaub, im Studium oder einfach so weg von zuhause ist. Im besten Fall über Skype, denn so kann die Hasenmutter sehen, wie es dem Kind so geht. Ob es warm genug hat, sich genügend bewegt und sich gut ernährt. Schließlich weiß man ja nie, was erwachsene Kinder so zu sich nehmen, wenn man nicht dabei ist.

Der Löwenherzmutter ist das alles nicht etwa egal, auch sie kümmert sich rührend um ihr Junges, allerdings weniger sorgenvoll und dafür ausgesprochen pragmatisch. Die Geburt hat zu funktionieren und wer dem Kind auf dem Spielplatz ans Fell möchte, bekommt die volle Wucht der Löwenmutter zu spüren. Komischerweise sind die Kinder der Löwenherzmütter irgendwie weniger oft krank, gefühlt zumindest. Sie scheinen nebenbei groß zu werden, sind ganz passabel oder gar überdurchschnittlich gut in der Schule und schwimmen obenauf. Und sobald sie 18 sind, haben die Kinder selbstständig zu sein und ihr Leben auf die Reihe zu bekommen, was zumindest nach außen meistens zu gelingen scheint.

Als echte Hasenherzmutter habe ich immer etwas argwöhnisch auf die Löwenherzmütter geschaut und, ich muss es mir eingestehen, ab und an auch etwas neidisch, denn so sorglos Kinder ins Erwachsenendasein zu begleiten, das hat natürlich Charme. Wenn ich mir allerdings heute unsere erwachsenen Söhne anschaue, bin ich sehr zufrieden mit dem, was ich da sehe und mein Hasenherz schwillt auf Löwenherzgröße an.

Also bitte, geht doch!