Mief

Grafik: Günter Land

Es ist Sommer, zweifelsohne. Man steht in aller Herrgottsfrühe auf, um alle Türen und Fenster aufzureißen, damit die 26 Grad Wohnungstemperatur sich mit den frischen 22 Grad draußen möglichst irgendwo in der Mitte treffen. Wer weiter oben wohnt, verflucht wahlweise beim Hochwuchten von Einkäufen und Kinderwagen seine Wohnlage oder preist des nächtens die Möglichkeit alles auflassen zu können, in der Hoffnung, dass mögliche Einbrecher keine Fassadenkletterausbildung genossen oder vorher ein Leiterfachgeschäft ausgeraubt haben.

Die hochsommerlichen Temperaturen in unseren südwestlichen Gefilden bringen leider auch einen Umstand mit sich, den ich jedes Jahr aufs Neue fürchte und das ist der Mief allerorten.

Fahren Sie Straßenbahn? Vielleicht solche Modelle, wo man nur kleine Minifensterchen ganz oben öffnen kann? Oder sitzen Sie ab und an in einem Wartezimmer? Gerne auch im Wartezimmer einer Kinderarztpraxis? Dann ahnen Sie vielleicht, was ich meine. Es ist mir nach wie vor ein Rätsel, wie erwachsene Menschen so scheußlich müffeln können in der heutigen Zeit der Deos.

Obwohl… das Ohne-Aluminium-Ding, so sehr ich es für unser aller Gesundheit begrüße, hat offenbar die Lage wieder etwas verschärft. Meine diesbezügliche Feldforschung, die sich bisher auf eine, nämlich meine eigene Person beschränkt, hat ergeben, dass man den Werbeversprechungen über den Frischefaktor der meisten Deos keinen absoluten Glauben mehr schenken darf. 24 Stunden sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Das müssen doch auch andere Menschen an sich wahrnehmen?

Oder denkt Herr Müller morgens im Badezimmer „Ach was, wie schön ist das denn? Der Duft nach frischer Meeresbrise satte 24 Stunden. Da brauche ich ja bis morgen früh nicht mehr dran zu rühren. Und das Hemd von gestern, das geht auch noch mal. Ich hab ja die frische Meeresbrise.“ Und schon gehört Herr Müller zur Gruppe derer, die in der Bahn viel Platz haben.

Und dann gibt es da noch die jungen Männer im Alter unserer Söhne, die mit viel Schwung kraftvoll in ihre Fahrradpedale treten und über den Campus kreuz und quer flitzen. Wenn ich dort mit meinem neuen E-Bike (das Alte ist wirklich endgültig weg und nie wieder aufgetaucht) versuche mit zu flitzen und alle Sinne auf Hab-Acht-Einstellung habe, um nicht den doppelten Rittberger vom Rad zu machen, dann ist offenbar auch der Geruchsinn etwas schärfer eingestellt. Herrje, wie kann ein T-Shirt so sauer riechen? Und dann auch noch ein Geruchsfähnchen hinter sich herziehen, das mich trotz Turbo-Einstellung am Rad noch einige Meter begleitet? Gibt es niemanden, der den Jungs mal einen Tipp gibt? In Karlsruhe ist es doch ob der männerlastigen Studiengänge sowieso schon schwierig ein passendes Mädchen zu finden… Da denke ich offenbar zu mütterlich.

Apropos, nach wie vor erheiternd finde ich immer wieder die herrliche Geste junger Eltern, die mit Schwung ihre kleinen Wichte aus dem Kinderwagen oder dem Tragetuch nehmen, um mit einem beherzten Schnuppern am jeweiligen Kinderpopo den Befüllungszustand der Windel wahrzunehmen. Auch für Außenstehende ist Letzterer nur wenige Nanosekunden später auf dem elterlichen Gesicht abzulesen. Von absoluter Erleichterung über innerliches Abwägen bis zum Erkennen des Äußersten ist alles dabei. Vor allem junge Väter lächeln dann befreit, bewegen bedächtig den Kopf hin und her oder ziehen ungeniert ihre Nase kraus. Das Schöne ist, dass dann sofort für Abhilfe gesorgt wird. Ich war noch nie dem Mief einer vollen Windel über einen längeren Zeitraum unfreiwillig ausgesetzt und dafür danke ich allen Eltern bekannter und unbekannterweise.

Bei den Hundehaltern klappt das auch sehr häufig, aber leider nicht immer. Es gibt ja diesen Spruch mit dem Problem, das am anderen Ende der Leine hängt und ja, bei uns in der Straße hängen da offenbar einige wenige an dieser Stelle. Es ist einfach nicht schön, beim Verlassen der Haustüre in einen gekochten Hundehaufen zu treten oder beim spontanen Unkrautjäten… ach, ich will es gar nicht weiter ausführen. Ganz großartig finde ich ja die Idee, die braunen Tütchen ordentlich zu befüllen und zu verknoten, um sie dann irgendwo publikumswirksam und naturnah auf Wegen, in Feld und Flur oder in Parks liegen zu lassen. Wo bitte ist da der Sinn? Lassen Sie da mal einen Radfahrer drüberrollen – womöglich mit saurem T-Shirt… Wie gut, dass mich mein E-Bike mit einem Klick schnell aus der Gefahrenzone bringt. In diesem Sinne: Kommen Sie gut durch den Sommer!