Mehr Demokratie wagen

Kolumne von Eva Unterburg

Grafik: Günther Land

Neulich sah ich fern. Das an sich wäre nicht erwähnenswert, wenn das Gesehene nicht eine so verwirrende Nachhaltigkeit in meiner Gedankenwelt hinterlassen hätte.

In der Reportage ging es um die möglichen Ursachen der momentan vorherrschenden Politikverdrossenheit und dazu wurde in meiner Heimat, der sonnendurchfluteten Pfalz, gedreht. Nicht weit weg von jenem oft genannten Ort, dem durchschnittlichsten Dorf Deutschlands, steht mein Elternhaus.

Schulfreunde kamen von da und dort gibt es einige Arztpraxen und Supermärkte meiner Kindheit. Ich hörte also mit einem gewissen Lokalinteresse zu, warum sich ein Teil der Bürgerschaft bei der letzten Wahl von den etablierten Parteien abgewendet hatten. Zwei Lokalpolitiker gingen von Haustüre zu Haustüre und befragten ihre ehemaligen Wähler, was sie denn tun müssten, um die Stimmen zurückzugewinnen. Echte Basisarbeit – mit Kamerabegleitung.

Sicher ist mir nicht alles detailgenau im Gedächtnis geblieben, aber das Erinnerte reicht aus, um mir ernsthaft Sorgen zu machen: Die Bandbreite der Antworten ging von schulterzuckendem „Weißichjetztauchnicht“, über „Wirwerdengarnichtgehört“ bis zu wirren Beschimpfungen und dem Sichsehnen nach einem starken Anführer.

Als Lösungsansatz für die zweite Antwort beschloss der Gemeinderat das Volk über das Wohl und Wehe des kommunalen Schwimmbades entscheiden zu lassen. Es stand zwar von vorn herein fest, dass der Haushalt eine Komplettsanierung und einen weiteren Ausbau unmöglich hergeben würde, dennoch wollte man die Bürger abstimmen lassen.

Wen wundert’s: das Mitbestimmungsrecht wurde dankbar angenommen, allein das Ergebnis fiel ganz anders aus, als gewünscht. Die Bürger stimmten für Sanierung und Modernisierung…

Lange Gesichter im Rathaus, denn damit hatte man nicht gerechnet. Woher soll das Geld kommen?

Was ein bisschen nach Schilda klingt, war wohl ein etwas unglücklicher Versuch, Demokratiebewusstsein zu verbreiten. Auf die Frage nach diesem höchsten Gut, anwortete nur ein einziger Dorfbewohner so, wie ich es mir von allen erwünscht hätte – und der kam aus einem Land, wo er eben all das nicht leben kann, was unsere Demokratie ausmacht. Der Rest wusste entweder mit dem Begriff nichts anzufangen oder fand das alles überholt.

Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit überholt? Wehmütig denke ich an Willy Brandts mitreißende Regierungserklärung von 1969, wo er mit seinem legendären „Wir wollen mehr Demokratie wagen“ aufruft zu bürgerschaftlichem Engagement. Heute, so scheint es mir, herrscht eher das Gefühl „Waschmirdenpelzabermachmichnichtnass“ vor. Es ist an der Zeit, den Kindern zu erzählen, welch langen und oft lebensgefährlichen Weg unsere Vorfahren gegangen sind, da-mit wir heute in einem Rechtsstaat leben können.

Um ihnen den Unterschied zum Leben in anderen politischen Systemen zu zeigen, reicht schon ein Blick auf die täglichen Schlagzeilen aus aller Welt. Im Magazin der „Zeit“ wurden unlängst Menschen aller Kontinente gebeten, ihre Wünsche an Angela Merkel in ihrer Funktion als letztes Bollwerk der Freien Welt zu schreiben. Neben einigen kritischen Stimmen, wünschten sich die meisten Schreibenden genau das, was bei uns so selbstverständlich zum Leben gehört, wie volle Supermarktregale und ein funktionierender Winterdienst, nämlich Demokratie. Einige dieser Briefe trieben mir die Tränen in die Augen und mir wurde bewusst, wie schnell man vergisst, wie gut es einem doch in Wahrheit geht.