„Irgendwas mit Medien“

Kolumne von Eva Unterburg

Grafik: Günter Land

Mein Verleger meinte, ich solle mir für die Kolumne in dieser Ausgabe „irgendwas mit Medien“ ausdenken. Hmmm, Kinder und Medien…

Fontane würde annodunnemals mit ernster Miene kommentiert haben „ein weites Feld“ und ich füge hinzu „ein sehr weites Feld“.

Ich könnte den Rundumschlag wagen und mir im ersten Schritt anschauen, wie schon das Leben der  Kleinsten oder besser gesagt der Allerkleinsten bisweilen „was mit Medien“ zu tun hat. Inzwischen kreisen bereits pränatale Aufnahmen durch die sozialen Netzwerke, stellen stolze Eltern die vorgeburtlichen Ultraschallaufnahmen ihres Embryos zur allgemeinen Disposition. Der Anfang vom Ende der Privatsphäre.

Vermutlich werden hier und da schon Handyverträge für die Neugeborenen abgeschlossen mit einer Nummer, die mit dem Kaiserschnittwunschtermin übereinstimmt, sodass sich das Kindelein nicht ständig mit den Zahlen vertut, drei vier Jahre später.

Vielleicht gibt es auch Eltern, die bei der Namenswahl zunächst einmal abklären, ob die Domain mit dem Wunschnamen des Kindes noch frei ist oder im gesteigerten Fall den Kindsnamen sogar nach den wenigen freien Domains aussuchen. Nach dem Motto „Felicitas Müller gibt es schon, ach Mensch. Dann lass uns doch Bertha Müller nehmen. Die ist noch frei“.

Früher hießen die Kinder besonders fantasiebegabter Eltern Pumuckel und Chanel, Waterloo oder Schnucki, hier und heute wird vielleicht durch die Domainproblematik ein neuer Trend geboren und bald schallt es durch die Kindergartenflure „Balderich, Gerburg, Klodewig, Notburga… es ist Freispielzeit!“ Wer weiß das schon.

Die pädagogisch wertvollen Lerncomputer im Kinderzimmer, die extra auf die frühkindliche Entwicklung von Zweijährigen abgestimmten Fernsehserien und die unscheinbar zu tragenden Überwachungssysteme für den Schulweg überspringe ich jetzt kurzerhand und lande direkt im Handy-Eldorado von Fünft- und Sechstklässlern. Da wird whatsgedönst was das Zeug hält und neue Gruppen schießen aus dem Boden wie die herbstlichen Pilze im Wald.

Da kann Kind innerhalb von Tagen im siebten Freundschaftshimmel landen, um aus unerfindlichen Gründen plötzlich komplett unangesagt zu sein. Dann wird gelästert, dass die sozialen Netzwerkfetzen nur so fliegen und schwupp die wupp ist Kind blockiert oder ganz gelöscht. Eine schmerzliche Erfahrung, die schon früher weh tat. „Jetzt bin ich nicht mehr deine Freundiiiin!“ war von Angesicht zu Angesicht bereits vor 40 Jahren bitter zu hören und gepaart mit Getuschel auf dem Heimweg ein Grund zuhause in Tränen auszubrechen und am nächsten Morgen wegen akuter Bauchschmerzen nicht in die Schule gehen zu können.

Das elektronische Getuschel muss sich anfühlen wie ein anonymer Brief, ab dessen Erhalt man hinter jeder und jedem den Briefeschreiber vermutet. Unbeschwert geht anders…

Ich höre Sie gerade laut denken von wegen „Stimmt ja alles gar nicht, mein Kind hat das Handy nur, um sich zu melden, wenn die Schule früher aus ist und für sonst gar nichts“. Stimmt, diese Handykinder gibt es auch und falls Sie eines dieser Baureihe besitzen, freut es mich sehr für Sie.

Allen anderen Eltern, deren Kinder verbacken sind mit ihrem leuchtenden Viereck, denen man das Ding entreißen muss, will man, dass mit Messer UND Gabel gleichzeitig gegessen wird, würde ich jetzt gerne sagen „Das verwächst sich, nur keine Sorge“.

Stimmt leider nicht immer, was ein Blick in die schweigsamen U-und S-Bahnabteile deutscher Großstädte beweist. Wer sich dort in ganzen Worten an seinen Sitznachbarn wendet, fällt auf wie ein Außerirdischer in der Kirche. In München hat sich eine Dame tatsächlich neulich bei mir bedankt für das nette Gespräch, das ich ihr aufgezwungen hatte. Das hätte sie schon lange nicht mehr erlebt.

Vielleicht bin ich ja auf der völlig falschen Fährte und mein Verleger meinte etwas ganz anderes, als er mich bat „irgendwas mit Medien“ zu schreiben. Vielleicht meinte er so altbackene Kommunikationsmedien wie Bücher, Zeitungen, Zeitschriften oder gar andere Schriftträger, wie den handschriftlichen Brief, die Postwurfsendung und das Flugblatt.

Eventuell dachte er an gesellige Diaabende, Lesungen in der örtlichen Bibliothek, Vortragsreihen in der Volkshochschule oder gar nonverbale Kommunikationsmittel wie den Kleidungsstil oder die Zeichensprache.

Für eher unwahrscheinlich halte ich es, dass er Telepathie im Sinn hatte. Obwohl, vielleicht wäre das ja das Mittel der Wahl, um mit den festgewachsenen Handys unserer Kinder fertig zu werden. Handyfrei mittels elterlicher Gedankenübertragung – ein Versuch wäre es wert!