Die Sache mit der Lernschwäche

KiddyCoach Gerhard Spitzer über die wundersame Wirksamkeit von kleinen Erfolgserlebnissen.

Gerhard Spitzer, der bekannte Wiener Verhaltenspädagoge und Autor von Top-Sellern wie „Entspannt Erziehen“ und „Warum zappelt Philipp?“, hat mit seiner humorvollen und konsequent kindgerechten Sichtweise schon zahllosen Eltern zu einem entspannteren Umgang mit ihren Kindern verholfen. Einer breiten Hörerschaft ist Spitzer durch seine Hörfunk-Live-Talks, sowie mit seinem erfolgreichen Seminarkabarett, „Kinder im Tyrannenmodus“ bekannt geworden.

Lernschwäche: Der 11-jährige Frank hat große Lernschwierigkeiten. Seit Wochen gibt es nur noch schlechte Nachrichten von der Schulfront. Neulich musste Mama Sabine schon wieder zum Rapport bei der Klassenlehrerin, um sich dort den Standard-Rüffel für Eltern von Kindern mit klassischem „FS-Syndrom“ abzuholen. Wie jetzt? Von einem FS-Syndrom haben sie noch nie gehört? Na gut! Dann eben jetzt: FS steht für „Faulsack“. Das Faulsack-Syndrom scheint weltweit pandemieartig immer mehr Kinder zu befallen. Das bringt auch Franks Lehrerin rigoros auf den Punkt: „Ihr Sohnemann ist nur noch faul: Er bringt keine Schularbeiten, schreibt und arbeitet im Unterricht kaum noch mit. Aufpassen kann er sowieso immer nur ein paar Minuten lang und mit seiner Merkfähigkeit scheint es auch zu hapern. Vielleicht hat er ja ein Aufmerksamkeits-Defizit? Dabei sage ich ihm oft, dass er sich nur ein bisschen anstrengen müsste. Aber es ist ihm ja immer egal, was ich sage!“

Wirklich egal?

Als ich von diesen Aussagen erfahre, überkommt mich große Neugier auf Frank, den hoffnungslos faulen und „lernschwachen“ Jungen: Ist es ihm wirklich egal, wenn die Lehrerin ihn ermahnt? Kann Frank sich wirklich nichts merken? Ist seine Lernschwäche tatsächlich pathologisch? Im Gespräch mit den Eltern wird schnell klar: Der Junge scheint offiziell nur noch aus Schwächen zu bestehen: Eine bereits in der Grundschulzeit diagnostizierte „Lese-Rechtschreibschwäche“ ist bald nach dem Schulwechsel um die Diagnose „Dyskalkulie“ erweitert worden. Ein hoffnungsloser Fall also? Keineswegs! Als ich Frank kennen lerne, sehe ich einen pfiffigen, munteren, erstaunlich sprachgewandten und fantasiebegabten, aber sehr sensiblen Jungen, der allerdings bei der bloßen Erwähnung des Themas Schule sofort irgendwie einknickt. Dabei stellt sich heraus: Es ist Frank überhaupt nicht egal, wenn ihn die Lehrerin ständig wegen seiner „Faulheit“ oder seiner Schwächen ermahnt. Der Junge ist sogar völlig fertig deswegen. „Meistens“, erzählt er sehr kleinlaut, „sagt sie solche Sachen nämlich vor allen anderen Kindern und danach krieg´ ich gar nichts mehr in mein Hirn rein und mag auch nicht mehr!“

Im Teufelskreis

Nach Gesprächen mit Franks Lehrern habe ich ein klares Bild: Die sind tatsächlich alle so unzufrieden, dass es andauernd Beschwerden und Tadel über den Jungen regnet. Es sollte wohl nicht überraschen, dass unter diesen Umständen der Wille eines Kindes zum Lernen zuweilen ein klein wenig abhanden kommt. Haben Sie vielleicht schon mal den Ausdruck „circulus vitiosus“ gehört? Sinngemäß heißt das auf Deutsch: „Abwärtsspirale“, oder eben auch „Teufelskreis“. Etwas, das nur allzu leicht passieren kann, wenn Kinder ständig zu hören bekommen, dass sie eigentlich sowieso nicht funktionieren. Dann tun sie es auch bald nicht mehr… Genau das bestätigt Frank am Schluss unseres Gespräches mit einer letzten erschütternden Aussage: „Es ist sowieso egal, was ich mache, weil ich eh ein kranker Psycho bin!“ Sofort wird mir klar, dass der Junge nur die bei ihm ganz offiziell festgestellten Lern- Defizite meinen kann. Für Dipl. Lebens- u. Sozialberater und Dozent Gerhard Spitzer gibt es „keine schwierigen Kinder, nur schwierige Umstände“! Der Gründer des Vereins KiddyCoach und Autor von „Entspannt Erziehen“ ist bekannt durch seine humorvollen Vorträge zum Thema „Entspannt Erziehen“ sowie seine Auftritte im Hörfunk. Eines liegt auf der Hand: Dieses Kind muss jetzt dringend aufgebaut werden! Frank ist nämlich keineswegs der Wille oder gar die Fähigkeit zum Lernen abhanden gekommen, sondern schlicht und einfach sein Selbstwertgefühl. Um das wieder aufzubauen, setze ich diesmal auf meine bewährte „Mini-Erfolge- Methode“…

Der kleine Poet

Schon früher haben wir im Karlsruher Kind unter dem Titel „Der Pokémon- Effekt“ beschrieben, wie gern und effizient Kinder unter bestimmten winzigen Bedingungs- Änderungen auf einmal gerne und gut lernen, wo sie sonst nur Schwächen zeigen. Schauen Sie doch einfach im Archiv unter www.karlsruher-kind. de nach. Eine dieser Bedingungen werde ich jetzt schaffen, in dem ich versuche, bei Frank irgendeine „kleine Stärke“ zu finden. Das ist gar nicht schwer, denn jedes Kind hat unzählige, oft verborgene Stärken: Mir ist aufgefallen, dass Frank an den Wänden in seinem Zimmer zahlreiche Zettel mit von ihm selbst geschriebenen Reimen und Gedichten hängen hat. Der Junge liebt es, Texte in Reimform zu bringen und scheint hierfür großes Talent zu haben. Noch etwas fällt auf: In seinen pfiffig gereimten, lustigen zwei- und Vierzeilern tauchen kaum Rechtschreibfehler auf. Soviel zur „Lese- Rechtschreib-Schwäche“! Warum überrascht mich das nicht? Wie sagt der Anthroposoph Henning Köhler: Eine Schwäche ist bloß der Widerhall einer Stärke. Genau das haben wir Franks Klassenlehrerin und auch dem staunenden Deutschlehrer näher gebracht. Seither sind mehr als drei Monate vergangen. Franks Selbstbewusstsein hat einen großen Satz nach vorne gemacht. Sobald klar geworden ist, dass er unter allen Klassenkameraden am Besten dichten und reimen kann, und diese Fähigkeit nun „offiziell“ als schulischer Erfolg wahrgenommen wird, waren erstmal die Schwierigkeiten in Deutsch vorbei. Dass sich kurz darauf auch in anderen Gegenständen kleine Erfolgserlebnisse eingestellt haben, mag für Sie, Liebe Eltern, ein Ansporn sein, genau diese Methode der Mini-Erfolge während einer eventuellen auftauchenden „Faulsack- Phase“ Ihres Kindes ebenfalls zu versuchen. Nehmen Sie sich also für das Entdecken und Fördern kleinster Stärken und Potenziale ihres Kindes ein wenig Zeit. Glauben Sie mir: Sie bekommen diese Zeit hundertfach zurück, und… Sie werden es mögen.