Laternen

Grafik: Günter Land

Na, haben Sie beim Lesen des vorangegangenen Satzes sofort die kleinen begeisterten Kinderstimmchen im Ohr, wie sie im Viertelton versetzt etwas windschief das bekannteste aller Lieder zu St. Martin intonieren und stolz dabei ihre selbstgebastelten Laternen schwenken?

Wenn man wie ich mit dem Wegwerfen, Entsorgen und dem Aufräumen an sich nicht ganz auf „Du und Du“, sondern eher auf  „Du kannst mich mal“ steht, dann sammeln sich pro Kind mindestens drei Laternen im Kindergarten und geschätzte vier im Grundschulalter an. Macht pro Kind mindestens sieben, mal zwei sind schon vierzehn. Hat man besonders bastelfreudige Kinder, wie wir damals, kommt man locker auf zwanzig Laternen, die vom Feenstaub der Jahre bedeckt, an einer langen Schnur hängend an all die schönen, nassen, verregneten und blätterraschelnden St. Martinsumzüge erinnern, die man als gerührte Eltern kleiner Laternenträger im Laufe seines Lebens mitgenießen durfte.

Bei uns hingen so über Jahre hinweg in trauter Gemeinsamkeit pfiffige weiße Mäuse neben orangeroten Kürbissen, silbern filigrane Metallobjekte neben schielenden Fledermäusen und freche Clownsgesichter Seite an Seite mit runden Tonpapiereulen. Und dann kam der Moment, wo die weit über zwanzigjährigen Kinder sich beim semesterlichen Heimkommen nicht mehr ständig den Kopf stoßen wollten an den Zeugnissen ihrer kindlichen Kreativität.

Zumal diese Zeugnisse sich augenscheinlich im rapiden Zerfall ihrer materiellen Form befanden: Kleber klebte nicht mehr, Tonpapier entbehrte es dank ständiger Sonnendrangsal an Farbe, Transparentpapier bröselte leise vor sich hin und ab und an fiel eine Laterne dank mürbe gewordener Verankerung der Schwerkraft zum Opfer.

Handeln war also angesagt. Ich schlich tagelang um die Relikte fröhlicher Kinderzeit herum, wie um eine plötzlich aufgetauchte Spinne, die sich mit haarigen Beinchen und immenser Größe ihr winterliches Notquartier in unserem Badezimmer sucht und mich alljährlich kurzfristig in den Erfahrungsbereich eines drohenden Herzinfarktes bringt. Hier halfen aber weder Glas und Papier noch einfaches Warten, bis sich das Spinnenproblem von selbst löst, hier gab es nur eine Vorgehensweise: abschneiden und …. ich wage es kaum zu schreiben… zerknüllen und in einem Müllsack entsorgen. Selbstverständlich nachdem der jeweilige Metallbügel aus der dereinst von kleinen Patschehändchen mühsamst ausgeschnittenen Aussparung am oberen Laternenrand rausgepfriemelt worden ist, um ihn ökologisch sinnvoll dem Recycling zuführen zu können. Mir blutete das Herz! Weniger sensible Gemüter hätten kurzen Ritsch-ratsch-Prozess gemacht und zwar schon zwei Jahrzehnte früher.

Ich dagegen schoss noch ein letztes Mal Erinnerungsfotos und entschuldigte mich im Geiste bei jeder staubigen Maus, den zerfledderten Fledermäusen und den zerbröselnden Kürbissen. Ein Trauerspiel!

Und nun singen sie bald wieder, die kleinen Laternenträger, nagen an ihren Dambedeis und schieben mit den Gummistiefeln raschelnde Blätterberge vor sich her. Ich werde mal den örtlichen Kalender durchforsten, irgendwo gibt es sicher einen St. Martinsumzug, wo eine Frau mittleren Alters ganz ohne mitgeführtes Kleinkind nicht auffällt und wenn ich ganz großes Glück habe, reitet sogar ein echter St. Martin mit Pferd vorneweg und ich kann in der Menge unbemerkt windschief „Lattäärne, Lattäärne“ mitträllern.