Kolumne von Eva Unterburg

Rettet das Kind im Manne!

Kolumne Eva Unterburg

Neulich hatten wir Spontanbesuch zum Abendessen. Ein entfernter Verwandter meines Mannes auf der Durchreise aus dem fernen Hamburg hatte an unserem Tisch Platz genommen und wir kamen rasch ins Gespräch. Unsere Kinder sind im ähnlichen Alter und so kamen wir im Handumdrehen auf ein Thema, das in nicht allzu weiter Ferne auch auf uns zukommt, nämlich den Ruhestand. Wir verglichen Reisepläne und Hobbys und er erklärte mit hanseatischer Zurückhaltung, dass er sich keinerlei Sorgen um etwaige Langeweile mache, schließlich habe er ein ganz besonderes Steckenpferd, zwar kostenintensiv, aber extrem erweiterbar und ausbaufähig.

Noch bevor ich meine Vermutung aussprechen konnte, brach es aus ihm heraus: „Ich liebe Modelleisenbahnen, besonders die Spur H0“. Juhu, da war es wieder, das berühmte Kind im Manne! Freudig begrüßte ich es in unserer Runde und erkundigte mich ausgiebig über Fallerhäuschen, Gebirgslandschaften und geplante Gleiskonstellationen. Sehr zur Freude meines Gegenübers.

Mit leuchtenden Augen erzählte er von den unzähligen Kartons, die nur darauf warten, endlich ausgepackt zu werden. Deren Inhalt wurde jahrzehntelang auf Sammlermessen, bei Ebay und in kleinen verschworenen Eisenbahnerlädchen zusammengekauft und war noch nie als Gesamtkunstwerk zu sehen.

Was freute der Mann sich auf den Tag, an dem er endlich den kompletten Dachboden in sein eigenes Miniaturwunderland verwandeln darf. Wohl dem, der Visionen hat! Und dazu steht.

Schließlich gilt das Sammeln und vor allem Fahren (oder soll man besser sagen Fahrenlassen?) von Modellzügen hierzulande nicht als be-son-ders männlich.

Ähnlich geht es vermutlich den Briefmarkensammlern, Anglern oder Kleintier- und Brieftaubenzüchtern. Ja ich weiß, all das ist äußerst meditativ, erfordert viel Fachwissen, beruhigt die angespannte Seele und hat eine lange Tradition – aber richtig männlich ist anders.

Holzmachen im Wald oder Bergsteigen in den Dolomiten, Mountainbiking oder Westernreiten – damit kann man, besser gesagt Mann bei jeder Stehparty punkten. Kleine mit Witz vorgetragene Anekdoten von der beinahe mit der Kettensäge abgetrennten Hand, dem mit letzter Kraft erreichten Gipfelkreuz oder dem besonders wilden Hengst sind der Garant für das ersehnte kleine Gesprächsgrüppchen, das schnell Raum greift und im Rückblick als Highlight der Veranstaltung gehandelt wird.

Ganz so spektakulär lässt sich schwer über die detailgenaue Nachbildung des Banhhofgebäudes in Neustadt an der Weinstraße (übrigens ein besonders schöner Bahnhof, ich weiß das, schließlich ging mein Schulweg jahrelang dort vorbei), die Komplettierung der Orchideenreihe von 1972 der Deutschen Bundespost oder das Höchstgewicht eines Deutschen Riesenschecken (ein gewaltiges Häschen, das aussieht wie ein Apfelschimmel, nur in Hasenform) über eine längere Gesprächsstrecke ein begeistertes Smalltalkpublikum finden. Dennoch liebe ich all diese Männer, die zu ihren ganz unmännlichen Hobbies stehen und sich diebisch freuen, wenn bei einer Party endlich mal jemand interessiert zuhört und sich nicht sofort suchend nach etwas Ess- oder Trinkbaren umsieht oder rein zufällig gerade am anderen Ende des Raumes einen Bekannten erspäht, den er ganz dringend sofort begrüßen muss. Solche Männer haben oft viel mehr zu erzählen, als die Mountainbiker der Nation im neongelben, atmungsaktiven Trendshirt. Rettet das Kind im Manne, auch wenn es anfangs als Spießer daherkommt – ich bin dafür!