Gesunde Ernährung – Kolumne von Eva Unterburg

Ernährung, Grafik: Günter Land

Mein Verleger meinte „Schreib doch einfach über Ernährung. Das passt gut zur Januarausgabe“. Stimmt, dachte ich, das passt auch zum Thema Übergewicht, gute Vorsätze, schlechtes Gewissen….

Wie merkwürdig, dass mir sofort negative Assoziationen dazu einfallen. Liegt es am nicht ausgesprochenen Wort „gesund“, das man sofort unaufgefordert beim Thema Ernährung voranstellt?

Hätte er mich gebeten zum Thema Essen etwas zu schreiben, ich hätte augenblicklich kulinarische Ergüsse von mir gegeben, über die letzten gemeinsamen Kocherlebnisse im Freundeskreis berichtet oder zum raschen Austausch ausgefallener Garmethoden aufgefordert.

Also wo liegt der Hase im Pfeffer und der Hund begraben? Ich glaube ja, dass fast jeder ein mehr oder weniger gestörtes Verhältnis zu gesunder Ernährung hat. Die einen, weil sie es alles andere als gesund tun und ihnen die Geschmacksverstärker schon so groß wie Zweieurostücke auf ihrer Fertigpizza ins Gesicht springen und die anderen, weil sie ihren als einzig richtigen Weg der gesunden Ernährung zur Quasireligion erhoben haben.

Die Geringschätzung des jeweils anderen ist beinahe vorprogrammiert. Schade eigentlich, denn dem Fertiggerichteanhänger würde sicherlich das im Kreis von Freunden gekochte vegetarische Gericht aus frischen Zutaten köstlich munden. Und wer weiß, vielleicht würde im Gegenzug ab und an ein schnelles Pling aus der Mikrowelle in manchen Familien die Rettung an besonders stressigen Tagen.

Natürlich bin ich ein heftiger Anhänger regionaler und vor allem saisonaler Küche, aber es gibt einfach Tage, an denen schon in deren Mitte klar ist, dass das Geplante einfach nicht in den Rest reinpassen wird. Ein unverhoffter Ausfall der Straßenbahn, eine Textaufgabe samt gemalter Verständnisskizze zu viel und ein eruptiver Zusammenprall der Geschwister reichen schon aus, um den Tag ins Wanken zu bringen. Und dann ist der Griff zu Fischstäbchen und Co einfach leichter, als zur mühsam geschnippelten Gemüselasagne mit Zutaten vom Biobauern.

Beobachten Sie sich einmal beim Einkaufen selbst, vielleicht sogar bei einem der seltenen Fälle, an denen Sie vogelfrei ganz ohne Kind und Kegel die Regale eines Supermarktes Ihrer Wahl entlangschlendern. Etwas, was Sie vielleicht schon seit Monaten oder gar Jahren nicht mehr tun konnten. Zuerst kommen die gesunden Müslis, die Frischeprodukte an der Obst- und Gemüsetheke, dann alles aus dem Kühlregal, vom Jogurt über die Butter bis zum Käse und evt. sogar den Wurstwaren. Und dann geben Sie sich die Versuchung hin. Sie kommt in Form von Schokolade (ist gerade im Angebot), Keksen (zum Knabbern zwischendurch), diversem Gummigetier (die ohne tierische Gelatine) und vielleicht noch Eis (für den Überraschungsbesuch) und leckeren Sahneschnitten aus dem Tiefkühlfach (für die, die beim Überraschungsbesuch doch keinen heißen Apfelstrudel mit Eis wollen…. halt Apfelstrudel vergessen) daher. Die Liste ließe sich beliebig erweitern.

Mir geht es exakt genauso. Und das Schlimmste ist, dass man an der Kasse in der Schlange steht und die unverhohlenen Blicke seiner Mitwartenden wahrnimmt. Sichtbar an diesem prall gefüllten Wagen ist ja nur die dicke Schicht Zucker in veränderter Form und Farbe obendrauf, alles Gesunde zeigt sich erst beim Aufsbandlegen. Regelmäßig stammle ich dann eine mittellaute Entschuldigung für meinen Suchteinkauf zur meist amüsierten Kassiererin und ernte vom umstehenden Publikum den fast immer gleichen Satz „Man kann ja nicht immer nur gesund leben, zwischendurch braucht man auch mal was Süßes“

„Zwischendurch?“ denke ich und packe reumütig meine 72849182797 Kalorien ein. Und jetzt weiß ich auch, warum ich beim Thema Ernährung meist sofort an gute Vorsätze und schlechtes Gewissen denken muss.