wir SUPPEN

Grafik: GünterLand

Seit einiger Zeit haben wir ein neues Hobby: wir suppen. Was sich auf den ersten Blick vielleicht nach schlecht verheilendem Abszess anhört, ist eine Tätigkeit, die man auf dem Wasser ausführt.

Und zwar stehend. Surfen für Arme, ganz ohne Segel. Dafür mit Paddel und erheblich langsamer. Man gleitet mit diesem Stand-up Paddling Board sozusagen geräuschlos über das Wasser, in dem man mehr oder weniger elegant versucht das Gleichgewicht zu halten, den Bauch einzuziehen und das Paddel mal rechts, mal links durchs Wasser zu ziehen.

Hört sich nicht schwer an, kann sich aber je nach Windaufkommen, Wellengang und Fitnessstatus des Ausführenden zum Harakiri-Unterfangen entwickeln.

Damit man das Board im Falle eines Falles nicht wie die sprichwörtlichen Felle davontreiben sehen muss, gibt es ein gezwirbeltes Plastikband, das an eine frühere Telefonschnur erinnert und das man sich um den Fuß klettet. Wer jetzt denkt, man steht einfach im halbhohen Wasser und stellt verführerisch ein Bein auf das kippelige, sich wie ein Aal im Wasser windende Sportgerät, um das Sicherheitsdings anzulegen, der irrt. Menschen im fortgeschrittenen Lebensalter, dem Sport im Allgemeinen abhold und mit keinem ausgeprägten Gleichgewichtssinn ausgestattet, können bereits an dieser Hürde scheitern.

Zumal es gilt, in diesem Stadion der vorgetäuschten Sportlichkeit zahlreiche kleine und große Bewunderer zufrieden zu stellen. Kaum hat man nämlich dieses Plastikungetüm aus seiner Hülle befreit und auf dem Boden ausgebreitet, den Püsterich angedockt und beginnt mit quietschenden, beinahe unanständigen Geräuschen die mitgebrachte Pumpe zu betätigen, stellt sich rasch eine Menge Schaulustiger ein.

Zuerst die kleinen Mäuse. „Darf ich auch mal pumpen?“ ist die Standardfrage der bis zu Fünfjährigen, dicht gefolgt von „Darf ich mich mal draufsetzen?“ und „Darf ich mitfahren?“. Einmal JAAAAA, zweimal NEINNNN mit ganz vielen lieben Erklärungen unsererseits. Wir wissen immer in kürzester Zeit, wie die kleinen Badegäste in unserer näheren Umgebung heißen, ob sie schon zur Schule gehen und was sie am liebsten essen. Ich hoffe, ich gebe hier nicht den falschen Leuten Tipps, wie man mit Kindern ins Gespräch kommt.

Übrigens das mit dem Draufsetzen ist wegen der fragilen Finne an der Unterseite nicht möglich, nicht weil wir den Kindern kein nettes Sitzerlebnis gönnen würden.

Ist das Teil dann endlich mit viel Gequietsche der Pumpe und Geächze des Pumpenden fast bis zum Platzen prall gefüllt, stellen sich die Väter mit ihren interessierten „Was ich schon immer wissen wollte“-Fragen ein. Stellen Sie sich einfach Autofachgespräche vor, nur ohne Motor und Reifen. Danach reißt das Interesse leider nicht ab, und man wünscht sich, bis man weit draußen auf dem See angekommen ist, eine Tarnkappe, aber die Menschheit ist eben von gesunder Neugierde getrieben und so ist man denn froh, die rettende offene See endlich unfallfrei erreicht zu haben.

Ab jetzt wird alles sehr entspannt und ausgesprochen sympathisch. Denn anders als im Wald, wo viele inzwischen grußlos aneinander vorbeistapfen, herrscht unter den Suppenden eine ausgesprochen rege Grußkultur. Egal ob vorbeiflitzender Dreizehnjähriger oder gestählte Fitnesstrainerin, wackeliger Anfänger oder Surfer im Ruhemodus, man lächelt sich zu und wechselt ein paar freundliche Worte. Sehr angenehm! Und dann sind da noch die Skurrilen unter den Suppern, die mit einem Kind in lockerer Sitzhaltung und wattierter Schwimmweste vorne drauf stundenlang über den See kreuzen. Wahlweise auch mit Hund oder wie in unserem Fall mit Frau. Frau bin ich und zwar liegend und möglichst keine Bewegung machend, während mein Mann mich – einem venezianischen Gondoliere gleich – lautlos über das Wasser befördert. Im Namen der Gleichberechtigung gab es schon einmal einen Rollentausch, allerdings nur einen, weil ich doch eher stockend vorankam und mir sofort irgendwelche Rückenpartien komisch wehtaten. Doch auch bei mir hat Übung tatsächlich geholfen und so sehe ich inzwischen wie die anderen Supper von weitem fast so aus wie Jesus, der über das Wasser wandelt, nur nicht ganz so heilig.