Erfolgsautor Gerhard Spitzer fühlt ungesunden Essgewohnheiten auf den Zahn

Gerhard Spitzer, der bekannte Wiener Verhaltenspädagoge und Autor von Top-Sellern wie „Entspannt Erziehen“ und „Warum zappelt Philipp?“, hat mit seiner humorvollen und konsequent kindgerechten Sichtweise schon zahllosen Eltern zu einem entspannteren Umgang mit ihren Kindern verholfen. Einer breiten Hörerschaft ist Spitzer durch seine Hörfunk-Live-Talks, sowie mit seinem erfolgreichen Seminarkabarett, „Kinder im Tyrannenmodus“ bekannt geworden.

Nörgeleien

Zu süß, zu synthetisch, zu industriell, zu „überflüssig“, zu „zwischendurch“ und vor allem: „zu viel“. So würde ich, als typisch österreichischer Nörgler, die Essengewohnheiten unserer Durchschnittskids bezeichnen und diese damit schlichtweg als „zu ungesund“ verrufen!

Allerdings: An meinen einleitenden Beschwerden über zu ungesunde häusliche Lebensweisen finde ich diesmal kaum etwas rumzunörgeln. Man kann es nämlich nicht schön reden: Was Kinder in „modernen Familien“ in puncto Essen und Naschen so in sich hineinstopfen, ist schon hinterfragenswert. Speziell dann, wenn man die beliebteste Ausrede für all das Überangebot ungesunder Nahrungsmittel kennt. Und Sie, liebe Freunde des RHEIN-NECKAR-KIND, werden sie gleich kennen…

Es wird verlangt

Auf meine Anfrage wegen eines ziemlich reichlichen Nasch-Angebots für Ihre drei Kids im Alter zwischen sechs und elf Jahren hat Mutter Karla aus Stuttgart sofort eine klare und pädagogisch wertvolle Antwort für mich parat: „Na weil die Kinder es doch verlangen! Das kann man ihnen doch nicht immerzu verweigern!“

Tja, das klingt klug, liebe Karla! Diese weise Antwort haben nämlich auch zahllose smarte Marketingleute drauf, wenn sie vor Fernsehkameras gefragt werden, warum sie zum Beispiel in den Verkaufs-Regalen immer häufiger Klumpert, wie Analog-Käse, Synthese-Knabbernossi und Fruchtzwerg-Chemiecocktails verhökern, oder diese knallbunten Super-Functional-Zuckerlösungen, die als Quasi-Yogis in unfassbar teuren Mini Plastik-Containern getarnt, unhaltbare Heileffekte anpreisen. Dann hört man von den Verkaufsprofis eben ganz Ähnliches, wie von Mama Karla: „Na ja! Das müssen wir doch, weil der Kunde das eben verlangt!“

Blödsinn, Leute! Schreit dann mein altes Nörgelhirn immer gleich auf und ärgert sich darüber, dass dort im Fernseh-Apparat offenbar keiner zuhört: „Nicht der Kunde verlangt das Zeugs! Ihr seid es, die es immerzu anbieten! Punktum!

Genauso verhält es sich denn auch mit unseren Kindern, Ihr netten Anbieter: Sie verlangen nichts, aber auch gar nichts, was ihnen nicht schon irgendwann mal aufdringlich angeboten worden ist: „Da hast du ein Schoko-Hasi, mein Schatz, weil du so brav warst!“

Aber es geht ja hier leider nicht nur um Schoki und Co!

Knapp überlebt

„Früher war alles besser!“ Ja, ich weiß! Dieser alte Spruch kommt furchtbar ausgelutscht rüber! Aber hier ist zur Abwechslung mal etwas Wahres dran. Wir alten Dinosaurier aus dem vorigen Jahrhundert haben beispielsweise mit großer Freude zu so abartigen Naturprodukten wie zu den geradezu mickrig verkrümmten Salatgurken gegriffen! Seltsam: Diese damals noch nicht normgemäßen Auswüchse der Natur haben wir zwar knapp, aber unbeschadet überlebt! Also ich zumindest! Aber wer glaubt mir das heute noch, wo sogar die einfachsten Naturprodukte „evaluiert“, aufgesüßt, geschmacksverstärkt und möglichst „functional“ gemacht werden müssen.

Nicht sicher bin ich hingegen, ob wir Alten auch diesen modernen, ultra süßen „probiotischen“ Hype überlebt hätten. Gebraucht haben wir ihn jedenfalls ganz sicher nicht und, ach ja: Nachgefragt hat deswegen von uns ganz sicher damals keiner, weil wir auch so ganz gut aufs Töpfchen gehen konnten.

Zugriff und Gewöhnung

Aber zurück zum übervollen Ernst der Sache: Nein, Leute! So funktioniert das nicht im menschlichen Universum! Nicht die Nachfrage bestimmt das Angebot! Es läuft genau umgekehrt und daher sollten besonders Eltern folgenden Spruch als möglichst großes Transparent über ihrem Küchenbereich hängen haben: “Der Mensch verlangt nichts! Er greift zu, wenn er es bekommt und gewöhnt sich dann eben ganz schnell daran! Hierbei gilt: Je jünger, desto rascher und nachhaltiger passiert das.

Jetzt wird sicher auch klar, dass beispielsweise die beliebte Aussage, dass eben „alle Kinder automatisch Süßes verlangten“ aus ernährungsphysiologischer Sicht ziemlicher Schwachsinn ist. Trotzdem wird Zucker in allen Darreichungsformen fleißig als „Nachtisch“ und sogar als „Zwischendurch-Snack“ verabreicht, obwohl wir alle sehr genau wissen, dass der leider nicht nur klebrige Stoff dem Körper allerlei Unbill zufügt. Doch es geht auch anders …

Anti-Helden

Frank und Hermine, zwei „etwas anders“ denkende Eltern im Raum Innsbruck in Tirol, führen sich und ihre drei Kinder im Alter von vier, acht und zehn Jahren als Anti-Helden zur ungesunden Familien-Ernährungskultur ein. Das beste Beispiel ist ihr Konsum an Schokolade. Anlässlich meiner Besuche sehe ich die drei Kinder schon öfters mal an Schoko-Stückchen nuckeln. Aber erstens tun sie das immer ganz langsam und niemals im allseits beliebten „Schaufelmodus“. Jetzt aber kommt der wahre Hammer: Sie lehnen süße Schoki und überhaupt alles gezuckerte Zeugs, vom Kuchen bis zum Gummibärli konsequent ab. Auf ihrer Schokolade-Tafel muss „100% Kakao“ draufstehen. Kann man sich das vorstellen? Hundert Prozent Kakao? Wahrscheinlich hat kaum jemand von Ihnen, liebe Freunde meiner Kolumne, je ein Genussmittel gekostet. Na dann aber los! Aber bitte nicht erschrecken: Das Teil schmeckt, wie man so schön sagt, „saubitter“. Kein bisschen Zucker drin! Aber komisch! Wieso verlangen diese abnormalen Kids, namens Ute, Matthä und Iris, dann nicht das „echte“ Naschzeugs, wie all die anderen Kinder?

Klar, wie Sauerkrautsaft: Diesen Kids wurde seit Entwöhnung von der ziemlich süßen Muttermilch einfach kaum gezuckertes Esswerk angeboten. Ergebnis: Sie verlangen es auch nicht! Punktum! Noch mehr: Es ekelt sie, wenn etwas zu süß schmeckt. Erklären Sie das mal einem meiner restlichen zuckersüchtigen jungen Klienten.

So ist das auch mit allem Anderen. Werden Junk food, Naschwerk und Co. einfach im zentralen Familienleben nicht zur Dauer-Rezeptur erhoben, dann wird es auch später nicht zum Problemfall mutieren.

Conclusio: Wenn Sie Ihre Kinder ein klein wenig gesünder ins junge Leben begleiten wollt‘, dann versuchen Sie, mein schon altbekanntes Credo auch hier anzuwenden. Weniger ist mehr! Überfluss ist Überflüssig! Versuchen Sie doch mal, Ihre Belohnungen in viel weniger zuckersüße, synthetische oder eben „naturferne“ Produkte hineinzupacken und Sie werden sehen: Schon nach kurzer Zeit der Anwendung wird das Verlangen Ihrer Kids nach ungesundem Zeugs zurückgehen. Ein Experiment ist es allemal wert, und…

Sie werden es mögen!