Gute Vorsätze einmal mehr

Glosse von Eva Unterburg

Grafik: Günther Land

Der Mensch im Allgemeinen und das Elter im besonderen neigen ja dazu, an einem gewissen Punkt des Jahres sich wandeln zu wollen.

Wandeln möchte sich das Elter hin zum Guten, Wahren, Schönen. Und das in Gänze sowohl innerlich, als auch äußerlich.

Am augenfälligsten sichtbar wird dies an den sprunghaft ansteigenden Anmeldungen in Fitnesstempeln und Kursen jeglicher Couleur. Da wird zu Beginn des Jahres gesteppt, Bauch-Beine-Po bearbeitet, unter Wasser Rad gefahren und das Laufband rauf und runter gerannt, was das Zeug hält. Männliche Eltern begeben sich auf Spurensuche nach ihren unter Speckschichten vergrabenen Sixpacks, der weibliche Teil der Elternschaft geht das Problem der „Nachwinker“ an den Oberarmen an. Die erfahrenen Hände durchtrainierter Sportstudenten erkennen zielgenau die Schwachstellen, justieren Fitnessgeräte und animieren zu Höchstleistungen. All die neuen hippen Kleidungsteilchen, die man sich gegenseitig unter den Baum gelegt hat, kommen jetzt zum Einsatz. Den strammen Sitz um die Körpermitte ignoriert man beflissentlich, mit der vagen Gewissheit, dass es nicht mehr lange dauert, bis man eine ähnlich smarte Silhouette  hat, wie das Muskelpaket auf der Ruderbank nebenan.

Anfangs nutzt Elter jeden freien Moment für das Stählen des angestrebten Körpers, sogar in der Mittagspause kommen die neuen Joggingschuhe zum Einsatz und das penetrante Seitenstechen nach den ersten hundert Metern diskutiert man im Geiste weg.

Das wird schon, Joschka Fischer hat das damals schließlich auch geschafft. Am Abendbrottisch berichtet man sich begeistert gegenseitig von seinen Erfolgen, bezieht die Kinder mit ein, indem man den ersten sportlichen Familienausflug fürs Wochenende plant.

Soweit, so gut.  Bliebe das alles so, auch in den kommenden Wochen, würde man brav den Zucker weglassen, sich vegetarisch oder gar vegan weiterernähren, dann würde sich der Six Pack bald sehen lassen und auch all die anderen Muskelpartien hätten ihren großen Bühnenauftritt. Endlich, nach all den Jahren wundervollen Speckdaseins.

Aber der Teufel steckt im Detail. Alles beginnt mit einer kleinen Ausnahme, einer kleinen Belohnung für all die Mühen. Hier ein Rippchen Schokolade, dort ein Gläschen Wein und bei der nächsten Einladung kann man schließlich das wunderbar zubereitete Roastbeef nicht an sich vorbeiziehen lassen. Und schwupps , ist man wieder drin im alten Trott.

Dann doch lieber die guten Vorsätze für Innen: Mehr Ausgeglichenheit, Achtsamkeit, Geduld, Toleranz, Nächstenliebe und all die positiven Energien, die die Welt zu einem besseren Ort werden ließen, wenn jeder nur ein Fünkchen mehr davon leben würde. So ähnlich wie bei den Spendenaufrufen von Wikipedia, jeder 5 Euro und das Ding wäre komplett innerhalb der nächsten zwei Stunden.

Doch zurück zu der Achtsamkeitsriege, die solange funktioniert, bis das erste Kind einen wegen Brechdurchfall mehrere Nächte in Folge nicht schlafen lässt und das zweite als Pubertier motzend unterwegs ist, Türen knallt, überall Biotope und Schimmelkulturen anlegt und die Konversation auf ein Mindestmaß eindampft. Wenn dann noch ein Kleinstkind mit Dreimonatskoliken mit von der Partie ist… dann ist die Grenze der Achtsamkeit erreicht.

Und es beginnt der Überlebenskampf. Verbissen und verkrampft versucht Elter zu funktionieren. Noch nicht lange ist es her, da glaubte man das Jahr ganz neu beginnen zu können, den alten Ballast abzuwerfen und schmetterlingsgleich aus seiner zu eng gewordenen Hülle zu schlüpfen. Und nun das!

Und warum das alles? Die Enttäuschungen, die viel zu hoch gesteckten Ziele? Weil man einmal mehr am Fliegenfänger der guten Vorsätze fürs neue Jahr kleben blieb. Es geht viel einfacher. Bei einem Glas Wein lässt es sich ganz entspannt achtsam sein, Schokolade heilt viele Wunden, Speckröllchen sind schön, sportliche Fitness ist nicht das einzig anzustrebende Ziel im Leben, gute Noten machen keine guten Menschen aus, ein Tag im Bett wirkt bei Schulkindern Wunder, Feenstaub klingt viel schöner als Wollmäuse, Faulsein tut gut ab und an… Ich bin dafür!