Frühlingserwachen

Kolumne von Eva Unterburg

Grafik: Günter Lang

Frühling – Während ich diese Zeilen schreibe, ist mir irgendwie unwohl. Ein kurzes In mich-Hineinhorchen gibt Klarheit: Mir ist zu warm. Komisch eigentlich, denn ein Baumwollrolli samt Kuschelweste scheint für die ersten Januartage eigentlich angemessen. Scheint, kalendarisch zumindest – gefühlt sieht es ganz anders aus. Draußen hört man unverkennbar das tschilp tschilp der Meisen, unser Kirschbaum hat bedenklich dicke Knospen und aus den winterlich braunen Beeten schauen frech erste Triebe in grün heraus. Beim Gang über den Markt entdeckte ich heute bunte Tulpensträuße und vorgetriebene Narzissen. Und das bei strahlender Sonne am sattblauen Himmel. Ich bin verwirrt und den Tieren scheint es ähnlich zu gehen. Unsere alten Katzendamen schauen entgeistert tanzenden Mückenschwärmen nach und ich denke ernsthaft darüber nach, die Gartenpolster rauszuholen. Vielleicht hat sich ja zwischen Weihnachten und jetzt etwas ereignet, was man aus Science- Fiction-Filmen der 70er Jahre oder wahlweise auch aus Dornröschen kennt: Die Menschen waren wochenlang erstarrt, während sich die Natur weiter Richtung Frühling entwickelt hat. Und nun sind wir alle basserstaunt über all das Naturerwachen um uns her. Wer immer sich das ausgedacht hat – ich finde, man könnte es auch in Zukunft so halten. Ein direkter Übergang von der Weihnachtsbeleuchtung in die 15 Grad Wohlfühlzone. Offenbar sind noch nicht alle Menschen aus der Erstarrung erwacht, vielleicht ist der Prinz schon wundgeküsst und braucht eine Pause oder die Aliens kommen mit der Produktion des Erweckungselexiers nicht nach. In manchen Schaufenstern sind nämlich noch immer blinkende Sterne zu sehen, wünschen verblasste Schönschriftbuchstaben ein frohes Fest und musizieren Engel auf kleinen Messinginstrumenten. Dabei scheint das alles gerade erst gewesen zu sein. Wir müssen lange geschlafen haben. Nur langsam werde ich mir der Konsequenzen bewusst: Keine Streusalzengpässe mehr, keine abgebrochenen Billigschneeschippen, keine Rückenprobleme beim Eiskratzen und vor allem keine Stresshormonausschüttungen angesichts zugefrorener Autoscheiben.

Frühling: Kein Blindflug in den ersten beiden Kilometern, bis die warmwerdende Lüftung endlich ein Guckloch in die Windschutzscheibe haucht und kein Ausrutschen auf Gehwegen vor Wohnungen winterdienstmüder Studenten-WGs. Paradiesische Zustände: Eben noch einen Weihnachtsstern auf dem Esstisch, jetzt schon leuchtend gelbe Narzissen im Vorgarten. Und Skifahren kann man schließlich auch in der Halle. Der Winterschlaf bei Bären ist abgeschafft, denn wer wollte die schon wachküssen und die Eichhörnchen brauchen sich keine Mühe mehr zu machen, meine alten Walnüsse im Garten zu vergraben. Unter uns: Eichhörnchen sind, glaube ich nicht sehr clever, zumindest unsere putzige Fellfamilie nicht, denn ich sehe sie zwar ständig mit Inbrunst graben, aber nie auch nur eine Nuss wiederfinden. Erst im folgenden Jahr zeigen sich regelmäßig für jedermann sichtbar die geheimen Walnussdepots in Form kleiner Nussbäumchen, bevorzugt in meinen Blumentöpfen. Das Abspeichern Nuss = Blumentopf kann doch nicht so schwer sein! Die Hersteller von Schneeketten und Winterreifen müssen ab jetzt umsatteln und beispielsweise Schwimmflügelchen und Isomatten herstellen. Na ja, man muss mit der Zeit gehen. Aber ich sehe es schon kommen: in den nächsten Tagen wird eine eigens einberufene Klimakommission nach eingehender Beratung verkünden, dass es mit der derzeitigen Wettersituation seine Richtigkeit hat, das Hoch allerdings nur von kurzer Dauer sein wird und Ende der Woche mit starken Graupelschauern zu rechnen ist, die im Laufe der kommenden Tage in Schneematsch, vor allem in tieferen Lagen übergehen werden. Und wir hier in Karlsruhe sind eindeutig eine tiefere Lage. Dann werde ich doch noch meine Meisenknödel aufhängen können, salzstreuende Nachbarn mit einem bösen Blick bedenken und bei Gelegenheit die Weihnachtsdeko wieder rausholen. Ach und der Baumwollrolli samt Kuschelweste passt dann auch…