Freizeit – Drinnen oder draußen?

Gerhard Spitzer, der bekannte Wiener Verhaltenspädagoge und Autor von Top-Sellern wie „Entspannt Erziehen“ und „Warum zappelt Philipp?“, hat mit seiner humorvollen und konsequent kindgerechten Sichtweise schon zahllosen Eltern zu einem entspannteren Umgang mit ihren Kindern verholfen. Einer breiten Hörerschaft ist Spitzer durch seine Hörfunk-Live-Talks, sowie mit seinem erfolgreichen Seminarkabarett, „Kinder im Tyrannenmodus“ bekannt geworden.

Typisch Freizeit

Genauso wie bei Erwachsenen, gibt es natürlich auch bei Kindern viele unterschiedliche Typen, wenn es um ganz persönliches Freizeit-Verhalten geht. Drei willkürlich aus der Region ausgesuchte „Standard-Freizeit-Typen“ möchte ich deshalb vorstellen:

Da wäre zuerst das bekannte und allseits beliebte „Couch-Potatoe-Kind“, das sich mit Vorliebe und ziemlich ausdauernd auf weichen Liegepolstern im lokalen Wohnzimmer fläzt. Motivations- und Bewegungspotential außerhalb der genannten Lokalität: gering.

Dann gibt es jene, deren Freizeitbeschäftigung sich hauptsächlich auf die regionale Küche spezialisiert hat. Ziemlich viel und möglichst oft zu essen und zu naschen hat ja schließlich gleichermaßen mit „regionalem Freizeitgenuss“ zu tun, nicht wahr? Motivation zur Raus-Bewegung bei dieser „zunehmenden“ Gruppe Kids: auch Fehlanzeige.

Freizeit-Junkie

Doch ich habe kaum Zweifel, dass die Vertreter der letzten meiner drei Kategorien typischer Freizeit-Kids am allerwenigsten Lust verspüren, raus ins Gemüse zu pilgern. Ich rede von den Hardcore-Computer-Junkies! Wiederum: klassische „Freizeit in der Region“, auch wenn’s eine ziemlich enge Region ist! Wie jetzt? Sie kennen keinen solchen Typen? Ich schon …

Den elfjährigen Henning aus Durlach zum Beispiel! Dessen Vater, Claudius, beschwert sich beim Beratungsgespräch, dass: „… mein Sohn gar nicht mehr aus seinem Zimmer herunterkommt, weil er andauend nur mit seinem Tablet-Computer spielt!“ Es sei doch wirklich nicht zu glauben, dass man die Kids heutzutage nicht ermutigen könne, noch etwas Anderes zu tun. „Aber gut“, meint Claudius am Ende seiner Anklage gegen das herrschende Kinder-Establishment noch huldvoll, „das ist halt die neue Zeit! Ohne diese Dinge geht es halt nicht mehr! Damit muss man leben!“ Wirklich, Claudius? Muss man das?

Früh übt sich …

Zeit, meinen Beratermodus einzuschalten und leider, wie so oft, mal wieder keine richtige Freude im Haus zu verbreiten: „Ihnen gefällt es also gar nicht, dass Ihr lieber Henning endlose Stunden mit Handy und PC verbringt? Das verstehe ich! Aber was ich noch nicht verstehe, ist, wieso der Junge all diesen High-Tech-Schnickschnack über-haupt besitzt? Wann sagten Sie, hat er sein erstes Smart-Phone-Klumpert bekommen? Mit fünf Jahren? Stimmt nachdenklich, wie?“

Hinter diesem – ich geb’s ja zu – mal wieder ziemlich vorwurfsvoll klingenden Satz liegt allerdings ein durchaus entspannender Blickwinkel für uns Eltern verborgen: Wenn man alle diese Geräte selber angeschafft hat, ist es irgendwie unnötig, sich darüber zu aufzuregen, dass der geliebte Nachwuchs, anstatt neugierig das heimatliche Umfeld zu durchstreifen, sich nur noch mit Technik beschäftigt. Außerdem fällt auf, dass zahlreiche Eltern, denen das Computer-Verhalten ihrer Kids bereits unheimlich geworden ist, diesen tollen Gerätepark selber ziemlich intensiv nutzen – oft ohne es wirklich wahrzunehmen…

Uff! Das hat ja schon wieder vorwurfsvoll geklungen. Egal, nehmen Sie sich bitte einfach den für Sie entspannenden Anteil raus, ja?

Motivation für die Region?

Jetzt komme ich zum Kern der Sache: Wie bekommt man das mit dem Freizeitverhalten seiner Kinder geregelt?

Ich helfe Claudius dabei: „Computer, Handy & Co. stellen meiner Wahrnehmung nach gar nicht das Hauptproblem dar. Ihr Sohn braucht auch einen – oder mehrere – gute Gründe, um motiviert genug zu sein, überhaupt aus seinem Zimmer herauszukommen!“

Danach sieht es aber nicht aus: Mama arbeitet täglich unendlich lange. Sein über alles geliebter, aber um sieben Jahre älterer Bruder hat zu studieren begonnen und hockt deswegen jetzt auch – welche Überraschung – andauernd an irgendeinem Bildschirm. Die planmäßigen wöchentlichen Judo-Stunden scheinen auch nicht die wahren Bringer zu sein. Genauso wenig wie die Ergotherapie-Einheiten…

Also, her mit einem neuen Plan, am besten einen mit einer gehörigen Portion Abenteuer-Feeling! Mein Vorschlag, passend zur Jahreszeit: Planen Sie doch bitte ab jetzt regelmäßige Vater und Sohn Sack-und-Pack-Abenteuer, hinaus in die regionalen Wälder. Am Besten gleich über Nacht. Also so etwas wie Naturerlebnis in der Hardcore-Variante: „Wenn Sie, lieber Claudius, das Outdoor-Rundum-Paket spannend genug ,verkaufen’, werden Sie staunen, wie rasch Ihr Sohnemann seine Prioritäten in Richtung Luft, Licht, Sonne und vielleicht sogar Sterne verschiebt!“ Das wäre auch nicht überraschend, weil dieses Verhalten genetisch in uns angelegt ist.

Naturverbunden?

Wenn man in einer Großstadt lebt, scheint diese Veranlagung allerdings mit der Zeit ein wenig zu verblassen. In Wahrheit ist unsere Spezies nämlich ursprünglich gar nicht dafür konzipiert gewesen, ein Leben lang zwischen perfekt verputzten Wänden mit allerlei Bildschirmbehang zu verbringen, sondern eher dazu, ein Umfeld zu bevorzugen, das wir heute gnädig „unberührte Natur“ nennen.

„Was spricht also dagegen?“, frage ich unseren noch-Indoor-Vater, „mit Ihrem Sohnemann probeweise in die bewaldeten Regionen rund um Karlsruhe auf ,Hardcore-Abenteuer-Fahrt’ zu gehen? Warum testen Sie nicht einfach mal, ob der Junge überhaupt noch jene großartige, tiefe Erfüllung für Geist, Körper und Seele inmitten in der Natur empfinden kann, für die jedes Kind geschaffen ist?“ Einfacher gesagt: raus mit dem Bengel in’s Gemüse! Suchen Sie vielleicht zusätzlich nach Angeboten wie zum Beispiel bei den Pfadindern oder Naturfreunden Sportvereinen oder anderen Veranstaltern, wo Henning gleich mal ein paar Wochen im Jahr voll die Natur auskosten kann.

Angebot vom Feinsten

Gerade Ihre Fächerstadt, liebe Karlsruher, bietet so viel Wald und Flur vom Feinsten, dass ich Sie echt darum beneide. Ja gut, meine eigene Heimatstadt, Wien, hat auch keine so schlechte Lage, mitten im ausgedehnten Wienerwald, schon klar! Aber trösten Sie sich: unsere Kids nutzen diesen hügeligen Waldgürtel auch kaum bis gar nicht. Unterschiedliche Regionen, dasselbe Problem!

Also, los Leute! Ausrüstung besorgen, leckere, aber karge Kaltverpflegung einpacken, mindestens eine Outdoor-Nacht im Zelt einplanen und die alles entscheidende Frage stellen: „Wo, mein Schatz, ist dir unsere gemeinsame Äktschn lieber? Drinnen oder draußen?“ Achten Sie jetzt genau auf das Minenspiel Ihres Kindes!

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