Badewetter

Grafik: Günter Land

Juhuu, es ist Sommer und die Ferien breiten ihre wohligen Flügel des Müßiggangs über allen geplagten Schülern aus. Badewetter.

Gerade war ich einkaufen, es ging nicht anders, denn wir erwarten Gäste, und die erwarten frisches Baguette unter ihrem Käse. Einkaufen bei 35 Grad ist toll, denn die Straßen sind leer und der Supermarkt wunderbar herunter gekühlt. Dumm nur, wenn man den Supermarkt wählt, der direkt in der Einflugschneise des örtlichen Freibades liegt, denn das bedeutet Fahrrad an Fahrrad, Badematte an Badematte und Kinderkarre an Kinderkarre. Groß und Klein ist voller Vorfreude in Richtung kühlem Nass unterwegs. Die Entgegenkommenden riechen nach Sonnenmilch, haben nasse Haare und laufen verträumt sinnend nebeneinander her. Ein schönes Bild und ich wünschte, der Käse und die Gäste kämen an einem anderen Tag und ich könnte willenlos mit der Masse mitströmen, um auf kühlem Rasen mit geschlossenen Lidern dem typischen Schwimmbad-Gemurmel zu lauschen.

Aber ich will nicht meckern, ich konnte neulich im Urlaub genug Sonne tanken und obendrein das Badeverhalten im Sehnsuchtsland Italien erleben. Dort sieht Baden so aus: Die italienische Familie kommt an den Strand, man hört sie schon von weitem. Auch optisch macht sie was her, denn sie ist mit vielerlei Equipment ausgestattet. Immer dabei sind ein Sonnenschirm und Sandelzeug für die Kleinen, eine Luftmatratze und eine Kühltasche. Für die Großeltern gibt es meist ein oder zwei Klappstühle mit Sonnendach. Nachdem gestenreich und mit viel Elan der Schirm platziert ist, werden die Kleinsten aus ihrem Kinderwagen geholt, den der Papa kräftezehrend durch Sand und Kies an Ort und Stelle bugsiert hat. Die größeren Kinder sind unbändig vergnügt, wollen sofort ihre neuen Spritzpistolen auffüllen und lassen sich nur ungeduldig von Mama mit Sonnenmilch einreiben. Ihre Gesichtsakrobatik in Verbindung mit dem erklärenden Redeschwall der Mütter ist alleine eine Reise wert. Schnell noch die Schwimmärmelchen aufgepustet und angesteckt – ich fühle heute noch das unangenehme Rutschgefühl am Oberarm – und dann sausen die Helden der Meere los. Quietschend vor Vergnügen werfen sie sich in die Fluten und besonders die befreundeten Jungs überbieten sich mit halsbrecherischen Luftsprüngen mitten in der schäumenden Brandung. Die Mädchen sind nicht weniger mutig, aber eher kicherig. Sie spritzen sich nass und schwimmen mit hektischen Atemzügen dem kalten Wasser entgegen. Über allem wacht die Mama, die sich inzwischen ihrer Kleidung entledigt hat und mit wogendem Busen den Strand abschreitet.

Apropos Busen – ich sah nie so wunderbar stolze Mütter ohne jeden Anflug von Unbehagen über einen noch bestehenden Babybauch, dralle Oberschenkel oder einen, nicht mehr ganz der Schwerkraft abholden Busen. In Italien wird überall und egal welchen Alters stolz Bikini getragen. Hierzulande hätte man in den meisten Fällen schon längst die Einteiler-Zeit anbrechen lassen. Die Mütter balancieren ihre Säuglinge mit einer Selbstverständlichkeit auf der fülligen Hüfte; es eine Freude sie anzuschauen. Immer wieder kann man sonderbare Abhärtungsrituale à la Sparta beobachten: Windelkinderlein werden auf Papas Armen ins Meer getragen und kurzfristig darin versenkt. Wenn sie dann nach Luft schnappend mit großen Augen und beginnendem Weinen wieder herausgezogen werden, macht der Vater eine lustige Bemerkung, lacht dazu und schwupp ist das Kind erneut unter Wasser. Offenbar hilft diese martialisch anmutende Erziehungsmethode, denn ich habe nie ein größeres Kind erlebt, das in irgendeiner Form Angst vor dem Wasser gezeigt hätte. Was für die patrouillierenden Mamas am Ufer auch nicht immer einfach ist, denn oft kann man zwischen den Schaumkronen weit draußen nur mehr ferne Kinderköpfe erahnen. Dann hört man ein zackiges „Federiiico vieni qui!“, verbunden mit einer mehrmaligen ruckartigen Armbewegung der betreffenden Mutter.

Sehr aufschlussreich ist auch das Balzverhalten italienischer Jugendlicher. Sonnengebräunte hübsche Mädchen mit angewachsenem Handy in der rechten Hand nehmen aus dem Augenwinkel wie zufällig die stolzgeschwellte Brust mehrerer ebenso sonnengebräunter und durchtrainierter Jungen im besten Mannesalter wahr. Laut schwatzend schlendern die zum dritten Mal an den Liegeplätzen der Schönen vorbei. Oh süße Jugend! Dazwischen immer wieder fliegende
Händler, die laut ihre leckeren

gekühlten „Coco“ anpreisen oder leise murmelnd den Liegenden allerlei Muschelschmuck, Freundschaftsbändchen oder Wasserbälle offerieren.

Über allem weht die Verheißung, sich nach den wohligen Stunden mit Meeresbrausen und Strandgemurmel an einen gedeckten Tisch unweit in einer der zahlreichen Restaurants setzen zu können und den Tag mit einem köstlichen Pastagericht ausklingen zu lassen. Die sandigen Füße vorher noch am einzigen Wasserhahn am Strand zu waschen, um dann tropfnass in die Schuhe zu schlüpfen. Nur Spießer trocknen sich die Füße vorher ab, man schaut ihnen peinlich berührt zu, wie sie jeden Zeh einzeln säubern.

Ach ja, es ist Badewetter. Gleich morgen früh werde ich mich im Keller auf die Suche nach der alten Kühltasche machen, die wir vor Jahren in Italien gekauft haben…