Facebook trifft auf Pre Social Web

April 2014, RHEIN-NECKAR-KIND Editorial.

Herausgeber Rhein-Neckar-Kind Karl Goerner

Liebe Leserinnen und Leser,

letztendlich geschieht im Facebook und anderen Social-Media-Plattformen nichts anderes als jeden Tag in der „real world“. Man tauscht sich aus. Man erfährt etwas, was ein weiteres meist winziges Stück zum riesigen Puzzle des eigenen Lebenshorizonts liefert. Im Gegenzug bringt man sich ein, gerade so wie in der Familie, im Freundeskreis, im Beruf und in der Gesellschaft. Aus dem oben erwähnten Puzzle hat man ein Bild von sich selbst, das man durch entsprechende Äußerungen im jeweiligen Kontext kommuniziert. Werte, die einem wichtig sind, werden weitergegeben. Manche werben aktiv dafür („extrovertierte Menschen), manche teilen eher selten mit, welche Maximen ihr Leben bestimmen („Introvertierte“).
Was ändert sich nun also durch „social media“? Nichts wirklich! Wir erweitern nur den Kreis, den wir mit unserem Bild von uns selbst konfrontieren. Dabei bleibt es uns überlassen, ob wir selbst an das Bild glauben, das wir von uns zeichnen.
Die Tatsache, dass nun die gesamte Welt an unserer Selbstdarstellung teilnehmen könnte – was schon aus statistischen Gründen nicht geschieht – macht letztlich keinen Unterschied zur realen Selbstdarstellung in der Familie und im persönlichen Umfeld. Meine Einträge im „social media“ werden inzwischen von meinen Kindern gelesen. Sie werden dort bestimmt nichts finden, was meinen Intentionen und damit meinen Erziehungsbemühungen widerspricht.
So what? Unsere dumpfen Ängste gegenüber unterschwelligen Gefahren aus dem sw scheinen mir also insofern unbegründet. Sie finden mich deshalb mit Klarnamen unter Xing, Facebook und wwi (was weiß ich).
Ganz anders ist die Lage einzuschätzen, wenn unser Nachwuchs „social media“ benutzt. Wir sollten schon in zartestem Kindesalter genau diese Zusammenhänge (natürlich wesentlich kindgerechter) erklären. Und wir sollten auf einen kleinen aber wesentlichen Unterschied hinweisen: Kindern wie Erwachsenen passiert es immer mal wieder, dass sie gerne das soeben gesprochene Wort sofort zurücknehmen würden. Man kann dann Glück haben, dass es keiner gehört hat oder kann es sofort relativieren oder den Satz einfach unter dem Bekunden größten Bedauerns zurücknehmen. Das geht bei der weltweiten Erweiterung des Gesichtskreises nicht mehr. Was Sie (oder eben unsere Kids) einmal unbedacht irgendwo im www gepostet haben, ist zitierfähig und nie mehr korrigier- oder löschbar!
Noch deutlicher wird das mit Fotos. Ein einmal eingestelltes Foto kann in der nächsten Sekunde kopiert werden und auf Ewigkeit (oder zumindest so lange es Computer gibt) jederzeit wieder eingestellt werden. Der eigene Einfluss auf die Verbreitung dieses Fotos ist für immer dahin. Dass dagegen auch keine Armada der besten Anwälte hilft, haben selbst viele Prominente schon festgestellt.
Überlegen Sie deshalb bitte, wenn Sie ein noch so lustiges Bild Ihres Nachwuchses online stellen wollen, ob Ihr Kind nicht dereinst schaudernd errötet, wenn dieses Foto bei einem etwaigen Einstellungsgespräch in 15 oder 20 Jahren auf dem Screen des potentiellen Arbeitgebers auftaucht.
Wir haben im Freundeskreis erlebt, wie peinlich es pubertierenden Jugendlichen mitunter ist, wenn Kinderalben mit begeisterten „War der nicht süß“-Rufen herumgereicht werden. Um wieviel schlimmer muss es dann für die späteren Erwachsenen sein, wenn die ganze Welt möglicherweise das „süße“ Bild des Säuglings in der Badewanne kennt.
Die von uns heute geachteten und bewunderten Menschen haben den Vorteil, in der Pre-Social-Web-Ära aufgewachsen zu sein. Ich stelle mir gerade vor, wie Angela Merkel mit einem von Ihren Eltern aus purer Verzückung vor 59 Jahren ins Web gestellte Nacktfoto in der Badewanne leben müsste. Oder unser Bundespräsident Joachim Gauck oder Madonna oder gar Barack Obama.
Wir bekommen für den Eltern-Schnappschuss des Monats in unserer Print-Ausgabe dankenswerterweise jede Menge Zusendungen, aber wir sind mittlerweile so sensibilisiert, dass wir kein Foto mehr abdrucken, das die Kinder – und damit die späteren Erwachsenen – in irgend einer Weise kompromittiern könnte. Und wenn einer der von uns veröffentlichten Schnappschüsse dann dereinst bei einem potentiellen Arbeitgeber auftaucht, kann der oder die Abgebildete mit Stolz sagen „Sehen Sie, ich stand schon in der Zeitung, bevor ich selbst stehen konnte!“

Und nun erst einmal viel Spaß beim Schmökern!

Ihr Karl Goerner